Sarah und die Wolke – ein Buch für Kinder, die nicht bei ihren Eltern leben können

cover_sarahKinder behalten vieles für sich. Vor allem dann, wenn Dinge passieren, die sie nicht verstehen können. Sarah ist ein kleines Mädchen, das sich wie alle anderen Kinder Liebe und Geborgenheit wünscht. Zuhause kann Sarah vieles nicht verstehen, denn dort passieren viele „böse Dinge“. Dabei hat Sarahs Familie einen ganz besonderen Namen, sie heißt „Vollkommen“. So möchte sich Sarah auch fühlen, obwohl sie ahnt, dass das längst nicht mehr stimmt. Ein Familienfoto erinnert sie an einen schönen Familienausflug. Auf dem Foto ist neben der glücklichen Sarah und den Eltern ganz oben eine kleine, weiße Wolke zu sehen.

Diese Wolke wird Sarah begleiten, sie beginnt zu wachsen und wird ebenso grau, wie Sarahs Alltag. Die Eltern arbeiten viel, lassen das Kind oft allein und sie streiten sich oft. In Sarahs Welt „springen böse Worte an die Türen und Scheiben“ und auch auf die Wolke, „dann wird ein Gewitter draus“. Sarah will ihre Eltern nicht ärgern, aber sie weiß nicht wie das Nichtärgern gehen soll. Wenn der Vater nach Hause kommt, ist es am schlimmsten. Er schlägt, schreit, und brennt Sarah sogar mit einer Zigarette.

Lügen darf man nicht, sagt Sarahs Mutter, die selber andere Leute wegen ihrer blauen Flecken belügt. Auch Sarah soll lügen, wenn sie geschlagen wurde. Die Lehrerin mit den netten Augen weiß Bescheid, aber Sarah darf ihr nichts erzählen. Deshalb begleitet die graue Wolke das Kind auch in die Schule.

«So kann das nicht mehr weitergehen», das bekommt Sarah nicht nur von der Lehrerin zu hören. Eigentlich weiß Sarah gar nicht, «was nicht mehr so weitergehen kann». Es gibt auch Lichtblicke. Seit die Mutter im Krankenhaus war, kommt manchmal Maria vorbei. Sie ist nett, spielt mit Sarah und versucht, der Mutter im Haushalt zu helfen. Sarah mag Maria gern, auch das darf sie nicht sagen, denn ihre Mutter mag die Herumschnüffelei vom Jugendamt nicht.

Eines Tages kommt die Polizei samt Maria, die Sarah an einen anderen Ort bringen soll, wo es ihr besser geht. Sarah hat schreckliche Angst, die Mutter weint, packt aber dann Sarahs Koffer. „Es ist besser so.“ An der Eingangstür des Hauses, zudem Sarah gebracht wird, steht „Fühl dich wohl“. Sarah wird sehr freundlich empfangen: „Hier wohnen viele Kinder, denen es auch so geht wie dir“. Denise zeigt Sarah das ganze Haus und ihr neues Zimmer. In diesem Zimmer gibt es eine gelbe Wolke. Obwohl Sarah immer noch traurig ist, fühlt sie auch ein wenig Hoffnung. „Sarah sieht die vielen Kinder. So viele Kinder. Sie lachen und reden. Vielleicht ist es hier schön, denkt Sarah und kuschelt sich ein bisschen an Denise.“ – damit endet das Buch.

Sarahs Geschichte kommt leider allzu häufig vor. Ca. 11.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Österreich leben in Pflegefamilien oder Einrichtungen der Jugendhilfe. Ihre leiblichen Eltern waren aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage, den Kindern eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Sehr oft ist häusliche Gewalt der Grund dafür, dass Kinder ihre Familien verlassen. Das Ausmaß von Gewalt in der Familie wird zumeist unterschätzt. Nur 30 Prozent aller Kinder erfahren eine völlig gewaltfreie Erziehung, sagt die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits, in 70 Prozent aller Familien kommt es zu Gewalt. Von der „gsund`n Watschn hin und wieder“ über laufende physische und psychische Gewalt erleben Kinder Misshandlungen, die ihre Seele und ihre Entwicklung dauerhaft schädigen. Die Kinder- und Jugendhilfe versucht zunächst innerhalb der Familien zu helfen. Wenn dies nicht gelingt, wird als allerletztes Mittel die Unterbringung in Ersatzfamilien oder Einrichtungen angeordnet. Allerdings oft erst dann, wenn die Kinder bereits mehrmals traumatische Ereignisse erlebt haben.

„Sarah und die Wolke“ wurde 2011 mit dem dritten Preis der bundesweit ausgeschriebenen „Sozialmarie“ ausgezeichnet.

Die Stärke des Buches liegt darin, dass aus der Sicht des Kindes eine Geschichte erzählt wird, wie sie wirklich ist. Es wird weder eine perfekte, glückliche Familie beschrieben, noch findet ein Happy-End mit den Eltern statt, wie es in den meisten Kinderbüchern der Fall ist. In „Sarah und die Wolke“ sollen sich Kinder wiederfinden können, die nicht die Chance haben, in ihrer eigenen Familie aufzuwachsen. Zugleich richtet sich das Buch auch an SozialpädagogInnen und Pflegeeltern, die mit Kindern über ihre belastende Familiensituation ins Gespräch kommen möchten. Das offene Ende lässt viel Interpretationsspielraum zu.

Die Autorin und Künstlerin Erika Kronabitter ist gebürtige Hartbergerin, lebt in Feldkirch und Wien und arbeitet seit vielen Jahren mit jungen Menschen.

In „Sarah und die Wolke“ hat sie reale Erfahrungen von SozialarbeiterInnen und PsychologInnen, aber auch von betroffenen Kindern einfließen lassen. Kronabitter weiß um die Problematik der Fremdunterbringung Bescheid, sie möchte zeigen, dass diese einen Ausweg darstellen kann. Denn es geht nicht darum, „dass die Kinder in einer nach außen hin perfekten Familie aufwachsen, sondern dass sie glücklich sind“, so Kronabitter. Selbst wenn das bedeutet, dass sie ihre Eltern zumindest für eine Weile verlassen müssen.

Die Wohngemeinschaft „Fühl dich wohl“, in der Sarah ein neues Zuhause findet, gibt es auch in Wirklichkeit in der burgenländischen Gemeinde Marz.

Das Buch ist kindgerecht geschrieben und wurde von der Autorin selbst illustriert. Neben jeder kurzen Textpassage findet sich eine Zeichnung, die Sarahs Gefühle, über die sie nicht sprechen kann oder darf, vermittelt. Die kleine Wolke zieht sich quer durch alle Bilder, sie wächst, wird grau, hängt über den streitenden Eltern und über Sarahs Bett, steht riesengroß neben dem Kind. Über die wechselnden Farben der Bilder werden Sarahs wechselhafte Gefühle unterstrichen, die Figuren sind groß, in den Konturen einfach gezeichnet und handeln mit eindeutigen Gesten. So können die Bilder gut je nach den eigenen Erfahrungen eines Kindes gedeutet werden.

„Sarah und die Wolke“ ist erschienen in der Edition Art Science in St. Wolfgang.

Erstveröffentlichung 09 2010 | 40 Seiten | Einband Hardcover
ISBN 978-3-902157-76-8

Man kann das Buch auch direkt bei der Autorin bestellen:

email:  e.kronabitter@outlook.com

Informationen über die Autorin: unter http://www.kronabitter.com.

Rezension: Manuela Mittermayer 09/16

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: