Poetischer act im Lentos: Judith Gruber-Rizy. Schwimmfüchslein.

In der Dezember Ausgabe präsentiert Summerau,96 einen „Poetischen act“ im Linzer Lentos Kunstmuseum mit der Gastautorin Judith Gruber-Rizy. Sie liest im ersten Stock eines Ausstellungsraumes, mit Blickrichtung Stadt und Schloss aus Ihrem 2013 erschienenen Roman „Schwimmfüchslein“. Dieser „poetische act“  wurde mit Judith Gruber-Rizy im August 2013 aufgezeichnet.

Die Wahl des Ortes hat einen Grund. Handelt der Roman doch um die problematische Beziehung der Malerin Gabriele Münter mit dem Maler Wallsily Kandinsky. Ein Bild der Malerin ist im Besitz des Lentos Kunstmuseums, das im Moment leider nicht ausgestellt ist.

Judith Gruber Rizy. foto: Benjamin rizy

Judith Gruber Rizy. Foto: Benjamin Rizy

Schwimmfüchslein nannte Wassily Kandinsky die Malerin Gabriele Münter am Beginn ihrer Beziehung liebevoll. Doch er ertrug es nicht, dass seine Lebensgefährtin als Künstlerin ihren eigenen Weg gehen wollte. Rosa, die Hauptprotagonistin des Romans,  entdeckt auf einer Zugreise ein liegengelassenes Buch, die Biografie über Gabriele Münter. Rosa, selbst Künstlerin, fühlt sich bald mit dem Schwimmfüchslein verwandt – auch sie leidet unter der Nichtbeachtung ihrer Kunst durch den Partner. Die Kunst wird den Frauen nicht zugestanden, muss Rosa feststellen. Ein Roman über zwei Künstlerinnen im Ringen um Anerkennung. die Sendung gibt es bald zum nachhören auf cba.fro.at.

Textauszüge aus dem Buch:

Nenne mir, sagt Rosa eines abends zu ihrem Ehemann, drei weltberühmte Malerinnen. Na ja, hm, ja, also. Sagt der Ehemann, kunstinteressiert, begeisterter Ausstellungsgeher, kunstverständig. Weltberühmt, das ist schwer, sagt er. Berühmt wie Picasso, verlangt Rosa. Nein, sagt der Ehemann, keine berühmt wie Picasso, keine einzige. Oder doch, sagt er, doch, natürlich: Frieda Kahlo, Angelica Kauffmann, Niki de Saint Phalle, Louise Bourgeois, Käthe Kollwitz, willst du noch mehr oder reicht dir das? Gabriele Münter, Maria Lassnig, Valie Export, Tamara de Lempicka, Sofonissba, wie hieß sie noch weiter, ach ja, Anguissola, Artemisia Gentileschi oder so, Camille Claudel, Meret Oppenheim, Frieda Kahlo, ach, die hatten wir schon, Germaine Richier, die Modersohn-Becker, hieß die nicht Paula oder so ähnlich, Gabriele Münter. Willst du noch mehr oder reicht dir das? Gabriele Münter also. Schwimmfüchslein. Ella. Ellchen. An sie schreibt K. in einem Brief, selbst das Kleinste und Dümmste von ihr zu hören langweile ihn nicht. Er brauche ihre Briefe so sehr. Damit band er sie an sich und war dabei doch frei. So einfach war es. Aber nur für ihn, nicht für Ella-Gabriele. Für die Frau nie so einfach, nie das Leben so segmentiert: hier die Liebe, hier die Arbeit, hier das Bürgerliche, hier das Freie, das Kreative. Immer verbunden, immer verhängt und in Abhängigkeiten. …

Immer dieser Trotz in Ellas Gesicht. Auf allen Fotos. Nur auf dem späten Foto nicht mehr, Ella achtzigjährig, sehr damenhaft, die Augen größer als früher, der Blick offener, ein hingehauchtes, feines Lächeln um die Lippen inmitten von vielen Falten und kaum mehr Trotz erkennbar. Nur weil Rosa von früheren Fotos um ihn weiß, lässt er sich noch erahnen. Vielleicht musste Ella mit achtzig Jahren nicht mehr trotzig sein, stand da schon über den Dingen. Vermutet Rosa, obwohl. Aber noch weiß Rosa es nicht, hat das Schwimmfüchslein-Buch noch nicht weit genug gelesen, steht noch am Anfang der Beziehung zu K. und ahnt nur, dass Gabriele-Ella-Schwimmfüchslein ständig weggeschoben und an den Rand gedrängt bei aller Verliebtheit. Weil die Verliebtheit, die angeblich große Liebe, so oft als Mittel zum Zweck der vollkommenen Einverleibung, der Einvernahmung, der Auslöschung. Aber Ella kämpft. Um K, um sich, um ihre Malerei, um ihre Ausbildung, um ihre Freiheit, um ihre Möglichkeiten. Versucht den nur freundschaftlichen Umgang mit ihm. Was misslingen muss. Er lebt seine Eifersucht aus. Auf alles und auf alle, vor allem auf Ellas freies, freches Leben in den Schwabinger Künstlerkreisen. Er zu Hause mit seiner Frau Anna, legitimiert durch Heirat, da soll sich Ella nicht vergnügen dürfen. Und tut es eine Weile lang doch noch. Du meine Zarte, Kleine. Schreibt er in den Briefen an sie von München nach München. Du meine kleine Goldene. Mein gutes, goldenes Herzchen. Mein Ella-Kind. Mein Püppchen. Da ist Gabriele 25 Jahre alt, er um elf Jahre älter. Er, der erwachsene Mann, sie, seine erwachsene Geliebte und doch als Kind behandelt. Er liebt ihre langen Finger, ihre schmalen Handgelenke. Nicht das Frauliche liebt er an ihr, sondern das Kindliche, das Zarte. Und so behandelt er sie auch. Will sie führen, anleiten, ihr sagen was richtig und was falsch, was zu tun. K. will Ella wie ein verehrungswürdiges Bild in edler Umrahmung sehen. Deshalb sucht er für sie die Kleider und Hüte aus. In Schwarz liebt er sie besonders. Er wünscht sie zart. Und zurückhaltend. In Schwarz oder blau. Wie du so niedlich und klein und lieb in deinem blauen Pelz aussiehst, du mein gutes Kindchen, schreibt er. Du liebes, allerliebstes einziges Füchschen, schreibt er. Das Leise und Unaufdringliche schätzt er. Nicht das Laute. Eine Frau will er nicht, er will das Kindchen. Auch das Burschikose, das Lockere an ihr missfällt ihm gründlich. Wenn sie beim Essen kräftig zulangt, ihr großer Appetit, ihre Ungeniertheit dabei, das stößt ihn ab. Und es stößt sie ab, denn wenn er es ihr nicht gönnt, dann sieht sie ihn als Ekel. Schwimmfüchslein, zartes Kindchen also, still, schlanke Finger, zurückhaltend, lieb. Aber nur so ist Ella eben nicht. Ist nicht nur zartes, liebes Kindchen. Ist burschikos, trotzig, stark, fordernd, selbstbewusst, hat Ziele und will sie erreichen, ist eben nicht nur Schwimmfüchslein, ist auch Gabriele und Ella. Das wird K. jedoch nie akzeptieren, diese Seiten an ihr wird er immer zu unterdrücken versuchen, sie immer bekämpfen, das weiß Rosa jetzt schon. ….. Wie eine Gejagte liest sich Rosa durchs Schwimmfüchslein-Buch. Mit dem Zwang zur Vollendung. Weiß längst wo Schwimmfüchslein und K. enden, hat längst geblättert, hat in Lexika nachgelesen, im Internet gesucht. Weiß also wohin die beiden treiben. Und muss es doch ganz genau wissen, kann nichts überspringen im Schwimmfüchslein-Leben, im Beziehungskampf, im Schwimmfüchslein-Liebesjammer. Als könnte Rosa selbst im Alles-Lesen Eigenes noch aufhalten. Sich in dieser Zeit ein eigenes Happy End herbeizaubern. Magic. Und ist sich der Sinnlosigkeit des Unterfangens doch genau bewusst. Der Sommer 1908 in Murnau. Endlich malt Ella-Gabriele so wie es ihrer eigentlichen Begabung entspricht. Legt plötzlich alles in die Linie. In die durchgehende Kontur. Wie bei einer Zeichnung, nur mit Farbe gefüllt. Da hat sich Schwimmfüchsin nun endlich selbst gefunden im neuen Malen. Farbige Klarheit, großflächig, dunkle, dicke Konturlinien. K. malt Amazonen. Warum wohl. Ella-Gabriele malt ein Selbstporträt. Mit großem Hut. So klar und weitblickend, wissend, mutig und nur wenig trotzig. Über den Trotz hinausgewachsen, scheint es. Wissend um das eigene Wollen, das eigene Können. Selbstbewusst das erste Mal. Vielleicht aber, denkt Rosa bei der Betrachtung dieses Bildes im Schwimmfüchslein-Buch, wäre Ella nur gerne so gewesen, hätte gerne so gewirkt, hat vielleicht Wunschvorstellungen hinein verarbeitet ins Selbstporträt. Sich selbst ein wenig stilisiert zur Wissenden, Mutigen, Selbstbewussten. Während die andere, die russische Malerin, pompös und auffällig, Ella als plumpe, klobige, schwere, an K. gelehnte und gesichtslose Frau, einer Bäurin ähnlich, zeichnet. Welch ein Gegensatz. Obwohl die beiden Frauen auch Freundinnen waren. Dachte jedenfalls Ella-Gabriele. Aber vielleicht doch nicht so ganz. Ein Jahr später kauft Schwimmfüchsin ein Haus in Murnau. Sie allein, es gehört ihr. Ganz allein. … Die Fotos von Schwimmfüchslein alle in Schwarz-Weiß. Das lässt keine Rückschlüsse auf Kleiderfarben zu. Dunkel wirken sie, aber ob dunkelblau, dunkelgrün, grau oder vielleicht violett, das bleibt offen. Ob Schwimmfüchslein noch immer in Dunkelblau und Schwarz, wie K. sie früher gerne sah? Nein, entscheidet Rosa, Schwimmfüchslein hat die Farben für sich geändert. Je weiter K. von ihr wegdriftet, desto heller werden Schwimmfüchsleins Farben. Wiesengrün stellt sich Rosa Ella-Gabriele vor. Im Garten von Murnau, am Fenster des kleinen Hauses. Ein zartbeiges Kleid vielleicht sogar, oder seidig hellblau. Smaragdgrün würde Schwimmfüchslein kleiden, zitronengelb auch. Doch immer ungemustert, immer nur einfärbig in Rosas Vorstellung. Aber, weiß Rosa ganz genau, das alles sind nur Rosas Farbvorstellungen für Ella-Gabriele. Durch nichts zu belegen. Möchte Schwimmfüchslein sehen. Im Garten des Murnauer Hauses. Unter Obstbäumen, zwischen Blumen, auf der Veranda an der Hügelseite des Hauses, auf dem Weg durch die schmale Allee. Möchte von einem Aussichtsplatz auf das Murnauer Moos hinabschauen. Schwimmfüchslein in Schneelandschaft betrachten, zwischen Sonnenblumen oder auf staubiger Dorfstraße. Will Schwimmfüchslein im Staffelsee oder im Kochelsee baden sehen. Schwimmfüchsleins trotziges Gesicht. Ella-Gabriele beim Malen. Braucht längst nicht mehr die Fotos im Schwimmfüchslein-Buch um Ella vor sich zu sehen. Kennt ihr Gesicht, ihre Haltung, ihre Frisur und kann sie in jede Landschaft stellen. Nur die Bewegung fehlt Rosa im Vorstellen. Denkt sich Ella-Gabriele jedoch behende, rasch, bestimmt und sicher in ihrer Bewegung. Ohne Zögern, ohne Langsamkeit, ohne jede Schwerfälligkeit.

….. Wäre die Geschichte von Schwimmfüchslein und K. ein Roman, denkt Rosa, dann könnte sie nun beim Lesen auf ein glückliches Ende hoffen. K. akzeptiert Ellas selbständige und von ihm unbevormundete Malerei, ihre Lockerheit, ihre Freiheit, lässt sich von seiner Frau scheiden, heiratet oder heiratet auch nicht sein Schwimmfüchslein und sie leben glücklich bis an ihr Ende in Italien oder sonst wo und malen. Aber das Leben der Künstlerin Gabriele und des Künstlers K. ist kein kitschiger Liebesroman, sondern ein einziger Kampf ums künstlerische Überleben von Ella und eine einzige Auseinandersetzung mit dem Egomanen K. Und bei dieser Liebesgeschichte, Schwimmfüchslein, konnte es kein Happy End geben, außer du hättest dich vollkommen selbst aufgegeben, dich ihm zur Gänze angepasst und dich ihm ganz und gar unterworfen. Aber das wäre dann ein Liebes-Happy-End um den Preis deiner Selbstauslöschung als Künstlerin, als Frau, als Mensch geworden. So weit bist du zum Glück nicht gegangen. Und wäre das überhaupt noch ein Happy End gewesen? Nein, Gabriele gab sich nicht auf als Malerin, gab sich nicht auf als Frau, gab sich nicht auf als eigenständiger Mensch. Verweigerte K. die völlige Selbstauflösung, verweigerte ihm die totale Anpassung, verweigerte ihm die Selbstaufgabe. Blieb immer noch Gabriele-Ella, allen Widerständen und Sehnsüchten zum Trotz. Wurde nie nur Schwimmfüchslein. Wie wunderbar, wie mutig zu ihrer Zeit, denkt Rosa, wie bewundernswert. Trotz allem. Da gab es andere, viele andere, die sich ausgelöscht haben, die sich auslöschen ließen, die Auslöschung hingenommen haben, ihr zugestimmt haben, sich getröstet haben, dass sie statt dessen endlich Mann und vielleicht Kinder, eine gute Ehe, ein wohliges Heim, ein ungetrübtes Leben. Vielleicht noch Helferin des Ehemannes, vielleicht auch keine Kinder, nur den Mann als Kind.

(Mit freundlicher Genehmigung der Autorin).

Biografie Judith Gruber-Ritzy:

Foto. Benjamin Rizy

Foto. Benjamin Rizy

Geboren am 1.November 1952 in Gmunden, aufgewachsen in Oberösterreich (Altmünster und Attnang-Puchheim). Zwischen 1971 und 1990 als Journalistin  bei verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen hauptsächlich in Wien tätig. Daneben Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften in Wien. 1986 Promotion zum Doktor phil mit einer Dissertation über den oberösterreichischen Schriftsteller Franz Kain. Seit 1991 literarische Arbeiten. Mehrere Preise und Arbeitsstipendien. Lebt freischaffend in Wien und Oberösterreich (Mühlviertel). Mitglied der IG Autorinnen und Autoren, der Grazer Autorinnen Autorenversammlung sowie des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes (Stellvertretende Vorsitzende). Mitglied der Europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE.Preise und Stipendien: Theodor-Körner-Preis 1994 1. Preis beim Max-von-der-Grün-Literatur-Wettbewerb 1996 Mehrere projektbezogene Arbeitsstipendien des Bundes.

Homepage der Autorin: http://www.judith-gruber-rizy.com/

contact:  judith.gruber-rizy@chello.at

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