156: Von Bahnhöfen und Haltestellen II

155:Summerau,96 – Folge 155, 9. Jänner 2013, 19 bis 20 Uhr (Wiederholung am 10.1. ab 14 Uhr)

Die Sendung gibt es bald zum nachhören auf cba.fro.at

Von Bahnhöfen und Haltestellen II

Wie schon im Vorjahr habe ich die Ehre, den Reigen der Summerau,96-Sendungen auch im Jahr 2013 zu beginnen. Waren die Geschichten,

Foto: ERich Klinger

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Erlebnisse und Texte in der ersten Sendung zwischen Bayern, Salzburg und Oberösterreich angesiedelt, folgt nun mit der Fortsetzung ein Sprung in den Süden Kanadas, vor allem in die Greater Toronto Area, also das Areal von und um Toronto mit einer Abschweifung nach London, Ontario. Einige meiner Lieblingsplätze befinden sich unmittelbar am Lake Ontario, “meinem kanadischen Meer”. Auch von diesen Orten wird meine Sendung erzählen, teils auch mit O-Tönen verstärkt oder illustriert. Das Areal am Lake Ontario neben der Bahnstation Rouge Hill ist einer meiner Lieblingsplätze, hier verbinden sich die Nähe zum Wasser und die Eisenbahn zu einer eigenartigen Faszination, hier entstand auch ein Gedicht, das diesen Ort beschreibt und auch meine Trauer über den vorangegangenen Abschied von Eric beinhaltet, der seit einigen Jahren an Alzheimer erkrankt ist. Ich muss dieses Gedicht allerdings erst auf Deutsch übersetzen, weil die Konturen und die inhaltliche Genauigkeit bei allen Vorzügen der englischen Sprache dann doch in der eigenen Sprache am Besten zur Geltung kommen.

Bahnhöfe, Haltestelle, Busstationen, Anlegestellen: Wenn ich mich nicht auf eigenen Füßen fortbewegt habe, bin ich, von wenigen Automitfahrten abgesehen, mit verschiedenen Formen

foto: erich Klinger

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des Öffentlichen Verkehrs in Berührung gekommen und somit auch mit Orten, von denen aus man – hoffentlich – weiterbewegt wird. Am südlichen Ende des wunderbaren “High Park” in Toronto gelangt man zu einer Straßenbahnlinie, mit der man entweder Richtung Mississauga, die nächste Stadt Richtung Westen, oder östlich Richtung Innenstadt von Toronto gelangen kann. Die naheliegende Straßenbahnhaltestelle trägt den Namen “Lakeshore” und die hat es, was deren Erreichbarkeit anlangt, in sich. Entweder hat man die Muße, einen größeren Umweg zu gehen, um relativ gefahrlos den Parkside Drive an einem ampelgeregelten Übergang zu überqueren oder man stürzt sich halsbrecherisch so wie ich auf Höhe der eine Etage weiter oben auf einer Brücke angelegten Haltestelle in den von zwei Seiten ziemlich schnell heranbrausenden Verkehr, was mir beim Überqueren der Gegenfahrbahn beinahe zum Verhängnis wurde, weil die Sicht auf die linke Gegenfahrbahn durch die Brückenpfeiler der nebenan situierten Eisenbahnbrücke beeinträchtigt ist. Letztlich habe ich es dank raschen Zurückweichens doch unbeschadet geschafft, die andere Straßenseite und somit den engen, bedrückenden und verwahrlost wirkenden Aufgang zur Haltestelle zu erreichen, empfehlen kann ich diese Haltestelle aber aus genannten Gründen nur mit Einschränkungen.

Im GO-Bus von Cooksville nach Toronto habe ich “Gott” getroffen und mit diesem etwa 35-jährigen Mann, der mit seinen Malutensilien nebst Bier in

Foto: Erich Klinger

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der Thermoskanne neben mir im Bus Platz nahm, führte ich auf dem Weg nach Toronto eine sehr lebendige und teils sehr “schräge” Konversation, etwa, als er mir erklärte, dass die schwarz-weiß gefleckte Katze, die ich auf dem Weg zum Bus die Gleise der Milton-Line überqueren gesehen hatte, die Reinkarnation jener ähnlich aussehenden Katze sei, die mir am Bahnsteig der Station Cooksville knapp zwei Jahre zuvor im gefrorenen Zustand zwischen den Schienen untergekommen war.  In London wiederum, einer der vielen Städte und Orte zwischen Toronto und der Grenze zu den Vereinigten Staaten, die sich nicht zufällig sehr britisch anhören, “strandete” ich am Tag meiner Ankunft abends im dem Bahnhof gegenüberliegenden Lokal “Taste of India” und blieb bis zum Aufbruch in Richtung Hotel der einzige Gast, was, wie ich nach dem Essen eindeutig feststellen konnte, nicht an der Qualität der Speisen lag. An diesem Abend unterhielt ich mich mit dem Eigentümer des Lokals sehr lange, wir kamen durch sein Interesse an Europa auch auf die “europäische Finanzkrise” zu sprechen und durch mein Interesse auf das Leben in Kanada und die Bedingungen hier in London, Ontario, er erzählte mir in diesem Zusammenhang, dass das Londoner Werk von General Motors vor nicht allzu langer Zeit geschlossen und die Produktion in die Vereinigten Staaten verlagert wurde, der um 2/3 niedrigeren Lohnkosten wegen – es gab in London auch eine Lokomotivfabrik,

Foto: Erich Klinger

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in der im Herbst 2012 die zumindest vorerst letzte Lokomotive fertiggestellt wurde, las ich einige Tage später. Ich trank während der Zeit, die ich im Lokal und in Gesprächen verbrachte, zuerst indisches Bier und abschließend aus Italien stammenden Hauswein, erfuhr vom Lokalbesitzer, dass das Lokal zwar “voll lizenziert” ist, also alle Arten von Alkohol, auch Spirituosen ausschenken darf,  dass er aber darauf achte, dass Alkohol nur in Kombination mit Speisen und auch da nur in Maßen konsumiert werde, und ich hatte nicht den Eindruck, er würde dies deshalb tun, um sich zu bereichern. An diesem gastfreundlichen Ort und auch noch auf dem Weg ins Hotel hatte ich das erste Mal bei dieser, insgesamt schon sechsten Reise nach Kanada, den Eindruck, von meinem Empfinden her in Kanada angekommen zu sein.  Ich kann das jetzt schwer erklären, außer vielleicht damit, dass die Weite eines Landes, im Sinne einer Vielzahl an Möglichkeiten nicht nur für die “Angestammten”, auch darin zum Ausdruck zu kommen vermag, dass sich ein Mensch, der in Indien geboren wurde und ein Mensch, der in Österreich geboren wurde, an einem Ort treffen, wo es relativ bedeutungslos ist, wo man herkommt, weil es wichtig ist, dass man dort, wo man ist, mit beiden Beinen auf dem Boden steht und sich sagen hören kann “jetzt bin ich hier” und es kommt nicht sofort jemand daher, der sagt: aber Du bist ja gar nicht von hier.

ERich Klinger, Dez. 2012

Erich Klinger

Erich Klinger. Foto: Erich Klinger Privat

Erich Klinger ist Autor und Radiomacher und lebt in Linz. Eine detaillierte Biografie findest du auf seiner Hompage: erichklinger.at

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