149: Ich rannte aus Zitronen

summerau,96, 149  vom 13. Juni 2012:

Autor zu Gast im Studio: Kurto Wendt
Moderation: Manuela Mittermayer
zum nachhören im Archiv der Freien Radios: cba.fro.at

Kurto Wendt liest aus seinem höchst amüsanten Erstlingswerk „Sie sprechen mit Jean Amery, was kann ich für Sie tun?“ und aus dem noch nicht erschienenen Folgeroman „ich rannte aus zitronen“. Im Anschluss an die LIVE-Lesung folgt ein Gespräch mit dem Autor.

Lesen sie einen, zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlichten Text, mit freundlicher Genehmigung von Kurto Wendt…….

Liebe Magda!

Ich hoffe, ihr habt euch nach meinem Verschwinden keine zu großen Sorgen gemacht, die beiliegenden Fotos zeigen jedenfalls, dass es mir gut geht. Ich habe mich verändert, örtlich wie nämlich, es gibt keinen Frank mehr.

Ich schreibe dir, weil ich außer der zweiten Frau meines verstorbenen Onkels Karl, Tante Luise, keine Verwandten habe, und ich dich für die fähigste Person in meiner früheren Umgebung halte, Frank abzuwickeln.

Dem Brief lege ich meine Sozialversicherungskarte, meinen Führerschein, meine Bankomatkarte und einige PINS meines Kontos bei, und bitte dich, den Mietvertrag meiner Gemeindewohnung mit beiliegender Vollmacht zu kündigen.

Die Schlüssel sind für meine Wohnung, hol dir einfach, was du brauchen kannst und verschenk den Rest. Auf meinem Konto sind noch mehr als 600 Euro, die du gerne als Spesen verwenden kannst.

Wenn was übrig bleibt, verschenk es an BettlerInnen in der U-Bahn.

Kündige bitte mein Falter-Abo und meinen Internetanschluss. Wenn du bei mir bist, schau bitte in der Blauen Tomate vorbei, denen schulde ich noch 25 Euro, wäre nett, wenn du das abgleichen könntest, wenn nicht, auch egal.

Ach ja, meinem Nachbarn Franz, der in der Wohnung quer gegenüber wohnt, schieb bitte einen Zettel unter der Tür durch, auf dem steht, dass es mir gut geht und dass ich ihn vermisse. Dir wollte ich noch sagen, was ich als Frank nicht wagte: Schau, dass du in diesem Telefonladen nicht versauerst, du hast mehr drauf!

Eine Affäre mit dir hatte ich vor Wochen auch angedacht (grins). Damals wollte ich keine mögliche Abfuhr riskieren und dann haben sich die Ereignisse relativ schnell überschlagen.

Sie hatte ihm das nicht zugetraut. Einfach abhauen. In die USA. Magda hatte Frank für einen gebildeten, larmoyanten Kerl gehalten, der bis an sein Lebensende kaum mehr was verändern würde. Liebenswürdig und nett, aber äußerst antriebslos und passiv, dieser Typ Mann, der fest daran glaubt, damit auch noch cool zu sein. Magda hatte sich schon zweimal in solche Exemplare verliebt und sie jeweils knapp bevor die inszenierte oder echte Depression auf sie übergriff, wieder verlassen. Dann lieber allein. Hatte sie sich in Frank getäuscht? Magda wollte immer schon mal in die USA. Chicago, New Orleans, San Francisco! Mit wildfremden Menschen Nächte durchtanzen und dann abhängen. Während ihrer Uni-Zeit fehlte ihr das Geld und jetzt der Mut. Hätte er sie gefragt, ob sie mitgeht, hätte sie ihn ausgelacht und es nicht ernst genommen. Fast schämte sie sich dafür, dass Frank es geschafft hatte, in Philadelphia zu sein, und sie immer noch Desktop-Managerin bei T-Mobile in Wien war. Vielleicht gab es in seiner Wohnung konkrete Hinweise auf sein neues Leben. Sie fühlte sich auch geschmeichelt, dass er sie damit beauftragte, seine Wiener Identität abzuwickeln und war gespannt, wie die anderen darauf reagieren würden. Um zehn vor acht war sie im Office, es war wichtig, dass niedere und mittlere Führungskräfte kurz vor den anderen im Büro sind. Das hatte man ihnen oft genug nahegelegt, wegen der Vorbildwirkung und Motivation. Nur höhere Führungskräfte können kommen und gehen wann sie wollen, und auch mürrisch sein. Implizit gibt es für niedere und mittlere Führungskräfte das Versprechen, mal ganz nach oben zu kommen. Magda war schon über vier Jahre in dem Laden, niemals wurde eine frei gewordene Managementposition von unten nachbesetzt. Immer kam rechtzeitig jemand von außen und all die Mittleren mussten weiter Vorbilder für die ganz unten abgeben, die es da schon leichter hatten. Alle überqualifiziert, viele von ihnen mit abgeschlossenem Studium, und irgendwie in innerer Emigration. KeinEr konnte sagen, was sie so dachten, sie erledigten ihre Arbeit und lebten woanders. Ihnen wurde kaum was versprochen und das Wenige glaubten sie nicht.

Magda spürte immer mehr Unbehagen, diese immer größer werdende Gruppe an Individuen zur Arbeit einzuteilen. Sie ließen sie spüren, dass sie kein Vertrauen zu ihr hatten und sie für den unteren Zipfel des Establishments hielten. Dabei waren sie kultiviert und höflich, ganz so als würde ein geheimer großer Coup geplant. Frank hatte ihr mehrmals geraten, sie solle weg von hier. Und jetzt, wo er einfach abgetaucht war, bekamen seine Worte zusätzlich Gewicht. Aber was sollte sie tun? Mit fünfunddreißig und einem abgeschlossenen Kunstgeschichte-studium, atte sie seit fast zehn Jahren keine Kontakte mehr zu all den artsy-fartsys, wer sollte ihr da einen sinnvollen Job geben? Magda bemühte sich, freundlich zu den Agents zu bleiben, und auch Frau Zobl-Riem, die wie ein Gummiball durch das Office hüpfte, um wirklich allen mitzuteilen, dass ihr Versetzungs-gesuch nach München bewilligt wurde, nicht nachhaltig zu beleidigen.

Kurz vor zwölf gönnte Magda sich einen großen Mocca in der Kantine und gesellte sich zu Ronnie, dem Leiter der IT-Abteilung. „Na?“ Immerhin eine Begrüßung, wenn auch kurz.

„Was tut sich, Ronnie-Bär?“ Magda signalisierte, dass sie an einem Pausengespräch interessiert war. „Ich kündige.“ Magda wartete auf nähere Erklärungen oder auf ein schallendes Gelächter. Es dauerte noch zwei oder drei Runden des Kaffeelöffels in der Tasse, bis sich der Zucker ganz aufgelöst hatte, dann schüttelte Ronnie den Löffel aus, legte ihn behutsam auf die Untertasse und ergänzte: „Du bist die Erste, die es erfährt.“

„Wieso, du bist doch ein Star hier. Du verdienst sicher gut und Doc Schneider hat vor niemandem mehr Ehrfurcht als vor dir.“

„Was nützt das? Seit Jack weg ist, hat keinEr mehr Feuer in diesem Laden und selbst Leute wie dieser verrückte Frank haben es geschafft, einfach zu gehen.“

„Aber deine Arbeit, das Programmieren, das macht dir doch Spaß, da kann dir niemand was vormachen!“

Ronnie lächelte bitter. „Ich programmiere was die wollen, und das heißt, Kunden und Mitarbeiter überwachen. Was nützt mir das schönste Programm, wenn seine Anwendung nur Scheiße produziert?“

„Vielleicht sollten wir zusammen gehen?“

„Du?“ Ronnie lachte so laut, dass die Umstehenden schmunzelten, obwohl sie kein Wort verstanden hatten. „Von dir hab ich noch nie ein klagendes Wort gehört, da würden sie aus allen Wolken fallen, du bist die Seele dieses Ladens!“

Es ist erstaunlich, dass Freundlichkeiten in beruflichen Umfeldern meist erst dann ausgesprochen werden, wenn es dafür schon zu spät ist.

„Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, aber mit dir gemeinsam geht es leichter. Magst du Oper?“ Ronnie war sehr erstaunt, welche Vertrautheit durch seine Ankündigung, zu gehen, ausgelöst wurde.

„Warum nicht?“

„Ich hab von Frank zwei Premierenkarten für Tosca am dreißigsten September, also in acht Wochen. Lass uns doch diesen Tag als letzten Arbeitstag absolvieren und anschließend in die Oper gehen.

Wie klingt das?“

„Ich wollte nächste Woche abhauen.“

„Ronnie!“ Magda war klar, dass ihr eine kurzfristige Kündigung zu steil wäre und dass sie es ohne Ronnie wahrscheinlich wieder nicht machen würde, er war ihre Ausstiegschance. „Bitte!“

„Tosca? Ist das cool?“

„Extrem!“

Ronnie schien zu überlegen, aus seiner Mimik war keine Tendenz zu erkennen. „Na dann machen wir es so!“

Magda fiel ihm spontan um den Hals, was den Hünen in leichte Verlegenheit brachte und den anderen begrenzt Stoff für Gerüchte lieferte. „Offiziell machen wir es aber erst Ende August, ok? Mit einem Aushang in der Kantine, die Geschäftsführung soll es als letzte erfahren.“ Magda war richtig beschwingt, all die Last, alternativlos zu leben, schien abzufallen. Die Kündigung als Inszenierung gefiel ihr doch viel besser, als einfach wegzubleiben. Und dann mit Ronnie gemeinsam! Er war wirklich ein Star auf seinem Gebiet. Der Star und die Seele, da blieb kaum was übrig.

Magda hatte fünf Minuten überzogen, was bei ihr immer auffiel, da in ihrer Pausenzeit Frau Zobel-Riem ihre Arbeit machen musste, obwohl diese eine Art Vorgesetzte Magdas war. Verflogen war Magdas Wunsch, dieser peinlichen Person mit ihrem „In München hab ich ein eigenes Büro und bin nicht mehr vom Kommen und Gehen der Anderen abhängig!“ ins Gesicht hüpfen zu müssen. Aufkommendes Mitleid ersetzte das Gefühl und Magda dachte bei sich: „Da werden sie es richtig schön haben, Frau Zobel-Riem, herzlichen Glückwunsch!“

[…]

„Ich rannte aus Zitronen“ ist die Fortsetzung, des im Milena-Verlag erschienenen Romans „Sie sprechen mit Jean Amery, was kann ich für Sie tun?“

Zum Zeitpunkt der Lesung in der Sendung Summerau,96 war der Roman noch im Arbeitsstadium und unveröffentlicht. Dank an Kurto Wendt für die Erlaubnis, einen Auszug daraus online zu stellen….

Zum Autor:

Kurto Wendt ist Lektor in einer Medienbeobachtungsfirma der Austria Presseagentur, Journalist (Augustin, Malmö) und Gastkommentator (Datum, Unique, DieZeit, …) Bekannt ist er vor allem als Mitorganisator der „Donnerstagsdemos“, die nach der Angelobung der Blauschwarzen Bundesregierung zwei Jahre lang ohne Unterbrechung in Wien stattfanden

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