150: Franziska denkt

150. summerau, 96: Gastautorin: Manuela Mittermayer

Moderation und Technik: Wally Rettenbacher

Sendung zum nachhören: cba.fro.at

Manulea Mittermayer liest Auszüge aus dem Roman: „Franziska denkt.“ sowie eine „Summersplash“ Geschichte. ……

Autorin: Manuela Mittermayer

[…]

Franziska sagt, nun, mein Bedürfnis ist es nun ein Mal, daran zu denken, jemanden umzubringen. Was Sie betrifft, Sie wären nur ein einziges Mal davon betroffen, weil ich ja, wie Sie wissen, nie zweimal das gleiche tun würde. Frank schluckt und eine längere Pause entsteht. Erzählen Sie mir doch einfach, was sie denken, sagt er dann. Franziska sagt, nun, sie denkt daran, was sie nach dem Erstaunen über den Anblick des lebendigen Gesichtsausdrucks eines Kindes nach dessen Geburt einmal gedacht hat:

Wenn die Menschen so hoffnungsvoll und unverfroren fordernd nach Essen, Wärme, Liebe und Geborgenheit in diese Welt hineinplumpsen und dann später zu emotionslosen und tonlosen Kreaturen mutieren, dann ist es also möglich, die Persönlichkeiten auszulöschen, so dass niemals mehr die Andeutung eines Schattens dieser bedürftigen Seelen an die Oberfläche kommen wird. Wie ist es dann möglich, als solche Kreatur zu leben, fragt Franziska sich sogleich. Frank, der Psychologe gibt Erklärungshilfe. Zerstörte Kinder legen sich eine Pseudoidentität zu, mit der es möglich ist, durch den Alltag zu gehen, Geld zu verdienen und sich von Zeit zu Zeit diese natürlichen Bedürfnisse einfach zu erkaufen. Mit Sex und käuflichen Dingen oder beidem trösten sich diese Erwachsenen über die Eintönigkeit des fremden Lebens momenteweise hinweg. Die Scheinidentität zerbröselt in dem Moment, wo der darüber liegende Schatten des Geldverdienens von Löchern durchsäht durchsichtig wird, weil die darunterliegenden Gefühle nach den urkindlichen Grundbedürfnissen schreien. Die Scheinidentität kann also nur existieren, solange man in der  Lage ist, ohne größere Empfindungen für andere glaubhaft zu leben. Keiner kann das. Es geht darum, dass Sie Ihr Lachen finden. Franziska ist nicht sehr zufrieden. Es kostet viele Menschen, sagt sie, soviel mehr Energie einmal herzhaft zu lachen, als deren Gesichtsmuskeln je verbrauchen könnten, um die stoische Ruhe, die dann wie Gelassenheit wirkt, im Gesicht aufrechtzuerhalten, weil die Angst davor, an falscher Stelle zu lachen, alles überdeckt. Zudem, sagt Franziska, ist sie weder gelassen, noch hat sie eine Pseudoidentität, mit der sie solcherart erwachsenes Geld verdienen könnte. Sie ist, wie Frank sagt, krank und lebt mittlerweile von diesem Sozialsystem, über das alle und sie selbst froh sind und sie hat somit nichts, mit dem sie andere glauben machen könnte, ihr Leben hätte einen gesellschaftlich wertvollen Sinn.

Genau gesagt, denkt Franziska, hat sie überhaupt keine Identität. Geburtsdatum und Sozialversicherungsnummer verschaffen ihr eine eindeutige Identifizierbarkeit, welche  für den Umgang mit den vielen Ämtern notwendig ist. Für die Allgemeinheit trägt sie diverse Namen, um für andere ansprechbar und erkennbar zu sein.

Für sich selbst heißt Franziska einfach Franziska, sagt sie laut, weil dies die Bezeichnung ihrer selbst ist, die sie im Leben am öftesten gehört hat und worauf sie selbst im Schlaf automatisch und instinktiv erkennen würde, dass irgendjemand etwas von ihr will. Daneben hat sie auch noch einen Nachnamen, den sie so selten wie möglich erwähnt, weil er ihr eigentlich egal ist und lediglich oberflächliche Auskunft über ihre  Herstammung in Zusammenhang mit ihrem Geburt gibt.

Franziska denkt, so muss es vielen anderen Menschen auch ergehen, denn warum sonst wechseln immer noch die Menschen bei einer Heirat ihren Namen aus. Was hat das denn in sich, sagt sie, dass so viele nicht mehr ICH sein möchten, und die Tatsache, für eine Weile als die Frau oder der Mann von jemand anderem als Anhängsel wahrgenommen zu werden, besser ist, als sich noch länger mit sich selbst abzufinden? Vielleicht ist es der Versuch von einem Neubeginn, denkt Franziska laut, vielleicht verschafft einem die Phase der Eingewöhnung an den neuen Namen die nötige Distanz zu sich selbst, in jenem Moment, wo man bereits weiß, dass alles schiefgelaufen ist und die eigene Existenz weiterzuführen, das Sinnloseste wäre, was ein Mensch, der dies erkannt hat, tun kann.

Frank unterbricht Franziska.

Franziska geht doch einen anderen Weg. Weil sie andere Drogen ablehnt, gebraucht sie regelmäßig Alkohol. Er hilft ihr, die nötige Distanz zu bewahren, was ja immerhin die Mehrheit der Menschen, denen sie sich zugehörig fühlt tut. Das ist eine rein zufällige Wertung, weil sie ja nicht zu einer Gruppe gehört und somit unzuordenbar ist. Was aus der Wirkung des Alkohols entsteht, kann in der Übertriebenheit nicht ihr eigen sein, beim ernüchternden Erwachen nach dem Rausch ist alles längst vergessen oder ihrer Vernunft entgegenstehend, so dass es lediglich Entsetzen oder Unverständnis bei allen hervorruft und somit für Franziska keine Bedeutung hat.

Nun unterbricht Franziska Frank, den Psychologen. Die Selbstverständlichkeit mit der Männer Alkohol gebrauchen, entspricht nicht jener Motivation von Frauen für diese Droge. Dennoch ob gewollt oder ungewollt erfüllt es für beide Geschlechter am Ende die gleiche Funktion des Sich-selbst-Entfremdens und des Die-Fremdheit-zu-sich-selbst-Aufrechterhaltens. Franziska schreit den Psychologen an, sie weiß, dass viele Menschen alleine trinken, um keine weiteren Einladungen mehr anzunehmen, die zu einer weiteren sexuellen und emotionalen Frustrierung führen würden. Weil das Erwachen nach dem Sexualverkehr, welcher sich aus zwielichtigen Situationen und Motiven ergibt und sich zwischen Menschen abspielt, deren Motive nicht die gleichen sind, stets zu Verletzung und Frust führt. Kurz gesagt: 10 Sekunden sexuelle Hochstimmung gegen 2 Stunden Erklärungen am nächsten Morgen, weil der eine nichts von anderen will. Franziska versteht die vorwiegend männlichen Menschen nicht, die sich das regelmäßig freiwillig antun. Frank ist nun endlich still.

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Ist das Ihre persönliche Geschichte, unterbricht Oskar, der Verleger, und in seinen Augen blitzt die Gier nach mehr weiblicher Seelenstriptease. Ist das wirklich deine persönliche Geschichte, ist Alexander, der eitle Schreiberlingkollege, gleichermaßen begeistert wie entsetzt, für welche Zielgruppe schreibst du das, wer soll das lesen und wie geht das, dass man so etwas so schreibt? Das ist großartig, sagt Leo, der immer wohlgesonnen, freundlich und wertschätzend ist, ohne nach irgendwelchem Hintergrund zu fragen.

Jacky, die Lektorin, erwidert gar nichts, sie ist betreten und sagt, sie muss jetzt gehen. Verleger Oskar fragt aufgeregt: Bevor Franziska die Menschen tötet, hat sie da auch sexuelle Phantasien? Alexander fragt, hat die Protagonistin tatsächlich jemals jemand umgebracht? Leo verteidigt Franziska für jeden Notfall, das ist doch alles nur psychologisch gemeint. Jacky, die nicht mehr da ist, würde einfach sagen, denkt Franziska, diese Geschichte ist total daneben.

Oskar denkt laut, wenn sie die Leute vorher bumst, in Gedanken versteht sich, dann hat die Geschichte doch wesentlich mehr Pfiff. Alexander fragt noch einmal, hat die Protagonistin irgendwas mit dir zu tun? Leo sagt für einen Moment gar nichts und denkt erst einmal über das ganze nach. Nun fällt Leo doch noch eine Frage ein, warum hast du die Person in deinem Werk Franziska genannt?

Wortlos steht Franziska auf. Heute leicht daneben sein ist besser als beständig mitten drin zu sein in diesem Literatensud. Und: es ist wirklich gut, nicht zu wissen, wovon dieser Tisch hier so beflissen spricht. Vor dem Schlafengehen denkt Franziska: Solch destruktive Eitelkeit, welche Kommunikation verhindern kann, lebt in uns allen und sie sucht sich stets ihren Weg. […]

Der Text in voller Länge entstand während eines Schreibaufenthaltes im Atelier der Kulturabteilung des Landes OÖ in Gmunden im September 2010.

Zur Autorin:

Manuela Mittermayer, geboren 1967, Oberneukirchen

Mutter (seit 1987), Studium Soziologie und Datentechnik (abgebrochen), Arbeit im Frauen- und im Sozialbereich, dann in den Kulturbereich gewechselt: Mitarbeiterin und Programmmacherin bei Radio FRO (2000), Lesereihe „zuHören“ (2000 – gemeinsam mit Erich Klinger), FIFTITU% (seit 2002), Mitarbeit bei verschiedenen Projekten, u.a. Organisation („die freiheit zu sein“), seit 2003 Obfrau und Mitarbeiterin des Vereines MIRIAM (Projekt „Wegstrecken“, Lesereihe zuHören – 2), nebenbei freiberufliche Internetprogrammierin

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