148: Bau Dir eine Brücke

Zu Gast in der 148. Ausgabe von „summerau,96 sind zwei sehr interessante Autoren, die gemeinsam ein bemerkenswertes Buchprojekt mit dem Titel „Bau dir eine Brücke“ verwirklicht haben.  Der Wiener Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber  Helmuth A. Niederle hat im Jahr 2011 gemeinsam mit dem indischen Schriftsteller und Übersetzer deutscher Literatur, Debabrata Chakrabarti aus Kalkutta einen zweisprachigen Gedichtband in deutscher und bengalischer Sprache unter dem Titel: Bau dir eine Brücke“ herausgegeben. Beiden ist der Ost-West-Dialog ein wichtiges Anliegen.

Die Aufnahmen mit Debabrata Chakrabarti wurden im Rahmen meiner zweimonatigen Indienreise im Jänner 2012 in Kalkutta gemacht. Helmuth A. Niederle habe ich im April 2012 in Wien aufgenommen.

In der Sendung lesen die Autoren Gedichte aus dem Band vor. Sämtliche Gedichte  sowie Übersetzungen in bengalischer Sprache  werden von Debrabrata Chakrabarti gelesen.

zum nachhören im Archiv von Radio FRO: cba.fro.at

Gedichte von Debrabrata Chakrabarti:

Anm.: (um eine gute Lesbarkeit der bengalischen Texte zu erzielen, bitte das Foto anklicken, dann vergrößert sich das Bild).

Das Sehen                                                                          

                                                         Für Gautam Ghosh
Ein Bild nach dem anderen 
Das Sehen. in bengalischer Sprache. T1. jpg von D. Chakrabarti
Das Sehen. in bengalischer Sprache. T1. jpg von D. Chakrabarti
– noch immer kommt mir vor –  
verharrt in einer Tanzpose
und löst sich eilig auf
nach langer Zeit
in diesem Zug. 
Wie erfreulich!
Wer öffnete das Fenster?
So tief berührten mich die Bilder
nach langer Weile.
Gleich wie die Geliebte
nach Zeiten geschaut
einem süß vorkommt.
So tief getroffen
als gäben freundliche Mitmenschen
vergess‘ne Tage mir zurück.
so traf ich sie nach langer Zeit.
 
 
Gibt Wiesen, Ghats, Flüsse
und Kindheit zurück
wie die Jugend voll Liebe geschwellter Brust
zur Tanzpose versteinert
hervortritt
und verlorene Tage
vergütet –
Das Alphabet.
 
Das Sehen. In Bengalischer Sprache. T2. von D. Chakrabarti

Das Sehen. In Bengalischer Sprache. T2. von D. Chakrabarti

  Mit Liebe geschwellter Brust
  erneuert sich
  meine Vertrautheit mit der Poesie
  im Spätfrühling
  gleich einem unschuldigen
  ABC-Fibel!
 
 
 
 

Ghât (von Sanskrit ghatta) nennt man in Indien eine zu einem Gewäser hinunter führende Treppe. Ghât ist eine terrassen- oder treppenartige Uferanlage an Flüssen und Tempelteichen, die als Prozessions-, Leichenverbrennungs- und Badestätte für rituelle Waschungen dient.

  
So nah und doch so fern. in bengalischer Sprache. jpg. von D. Chakrabarti

So nah und doch so fern. in bengalischer Sprache. jpg. von D. Chakrabarti

 So nah und doch so fern

 
  so nah bist du dabei
  aber du weißt noch nicht
  wie weit du vom dabei entfernt bist
 
  weit fern auf einem kalten Platz im Gebirg
  oder in den donnernden Wassern des Meeres
  suchst du deine Worte
 
  aber noch weißt du nicht
  wie weit du vom dabei entfernt bist
 
  körperlich mag man näher kommen
  oder nicht?
  die Möglichkeit, der Seele in die Augen zu sehen
  wird von den Wasserfluten
  in jedem Augenblick weggeschwemmt
 
  es scheint, als würde werweissnicht kommen
  schwimmen und sich entfernen
  aber all das ist nicht zu verstehen
 
  es gibt zwar kommen und schwimmen
  jedoch kein kennenlernen
 
  so weissnicht warum man nicht verstehen will
  möchte aufbewahren, möchte nah
  die Leichen sehen
 
  so nah bist du dabei
  aber du wusstest noch nicht
                                                             wie weit du vom dabei entfernt warst
 
  
NANDIGRAM*
 
MIT  GOLDENER  SCHÜSSEL  IST  DER  MUND  DER  WAHRHEIT  BEDECKT – Upanishad
 
Mich
schlagen ist leicht
weil ich
keinesfalls ein Lügner
obwohl alle
angreifen
und mich reichlich schlagen
Wahrheit sagen
ist mir ja nicht
verboten
und ich überwinde
den Zwiespalt
viel eher
 
Lügen
bringt
den Weg
durcheinander
macht ständig
Wandlungen
und führt in blinde Gassen
stellt Erklärungen
nur zum rechtfertigen auf
und bindet
mit Donnern
die blinden
Knoten
 
Aber die Knoten
lösen sich flink
Alle Gespinste
der Lügen
zerreißen
 
Durch welchen Umstand weiß man nicht
oder wie es geschah
Keiner verstand
Ach mein Gott
Nun sag ich es laut
zum Zweck des Guten
 
Dafür gibt es
die goldene Schlüssel
damit ist gedeckt
der Mund des Wahrheitskruges
immer noch
Aber etwas geht schief
wird zur Schande
wenn es etwas verkehrt
Die Windmühle der Dharma bewegt sich im Wind
 

*Nandigram: Haldia, das neueste petro-chemische Zentrum im indischen Bundesstaat Westbengalen hat als Hinterland Nandigram, eine Anhäufung von Dörfern, die im administrativen Sprachgebrauch ein »Hindernis« darstellen. Ende 2006 traten Spannungen auf, nachdem bekannt geworden war, dass groβe Agrarflächen angekauft werden müssen, damit das Chemiezentrum von einem ausländischen Industriekonzern errichtet werden kann. Der Konzern ist wegen seiner Nähe zu einem antikommunistischen Gewaltherrscher übel beleumundet, dieser hatte Mitte der 60er Jahre ein Massaker angeordnet. Die Unruhen in Nandigram, die sich gegen die Aktionen der sogenannten linken Regierung richteten, wurden sowohl von antikommunistischen Kräften und als auch der radikalen linken ihren jeweiligen Interessen und Ihrer Ideologie entsprechend angestachelt. Als die Regierung und die für sie arbeitende Beamtenmaschinerie gegen die Unruhen Maβnahmen einleitete, machte sie dabei gewaltige Fehler und Schnitzer, als sie durch Bulldozer die Unruhen niederwalzen lieβ. Während des Vorgangs kame es zum Streit, wodurch Nandigram zu ihrem „Waterloo“ wurde.

 

 †Dharma bedeutet Religion, aber auch Recht, Gesetz oder Gerechtigkeit. Hier ist der Begriff Gerechtigkeit gemeint. » Die Windmühle der Dharma bewegt sich im Wind« ist ein bengalischer Spruch.

 
einmal löst sich alles
 
Einmal löst sich alles. In bengalischer Sprache. jpg D. Chakrabarti

Einmal löst sich alles. In bengalischer Sprache. jpg D. Chakrabarti

  einmal löst sich alles
  wenn wir
  in die zukünftige Stadt kommen
  einmal löst sich alles
  wenn es überall erhellt ist
  in der künftigen Stadt
  wenn du an mich denkst
  und ich an dich
  einmal löst sich alles
  wenn wir      
  in die nahende Stadt kommen
  wenn es überall erhellt ist
  du an mich denkst
  und ich an dich     
  wenn überall die Lichter brennen
  in der nahen Stadt
  dort löst sich alles
 
 
 
 
 

Ein trauriger Mittag

Ein trauriger Mittag. In bengalischer Sprache. jpg. von D. Chakrabarti

Ein trauriger Mittag. In bengalischer Sprache. jpg. von D. Chakrabarti

 
 
Ein Rabe
steht
auf der Strasse
wie ein einsamer Mittag
 
In der sengenden Sonne
die Strasse ganz und gar unbelebt
steht
ein Rabe
auf der Strasse
in mittäglicher Einsamkeit
 
Niemand da
nur ein Trauerzug
zieht vorbei
klagend
 
Der Rabe fliegt auf
kehrt zurück und steht von neuem
an alter Stelle
 
 
 
Gedichte von Helmuth A. Niederle
 
Ach, wären doch
 Träume bloß Bewohner
ferner Inseln,
zu denen es keinen Zugang gibt. 
 
Inseln, nicht einmal vom Hörensagen bekannt. 
 
Wie viel Dunkles
bliebe uns allen erspart!
Aber auch all dasLockende,
das Geheimnis,
in dem Gegenstände ihre Plätze wechseln
und Worte ihre Bedeutung ablegen,
bliebe uns
fremd. 
 
Ist nicht manchmal
das Unbekannte
leichter zu ertragen
als das Bekannte,
in dem der Schrecken haust,
um uns zu fesseln?
 
 
Hinter jedem Ich
steht ein anderes Ich
bedroht von
einem weiteren Ich
 
Jedes Ich
hat seine Ansicht
nicht bereit
diese zu teilen
 
Welches Ich bekennt:
Ich bin ein drohender Schatten
und liege auf der Lauer?
 
 
Geboren in einem Land
 in dem Vögel weinen
das Singen nie gelernt
 
Aufgewachsen in einer Stadt
in der Steine singen
ohne jemals gehört zu werden
 
Gelebt in einem Haus
in dem Ziegeln murmeln
die alten Geschichten der Bösartigkeit
 
Gestorben in einem Zimmer
in dem die Decke hält
eine alte Gewohnheit
 
Begraben in einem Loch
in das Gesänge der vergeblichen Träume
mit einem versteckten Wort
unter der verknoteten Zunge
tropfen.
 
Etüde
  … Die Erde ist eine perlenlose Auster. Nicht geboren zu sein, ist für den Menschen das Beste … W. H. Auden
 
Worte schaffen Raum
wenig
viel
weiten den Blick
verengen
spenden Wärme
schaffen Kälte.
 
Unentwegt sprechen Menschen:
Vielleicht suchen ihre Sätze eine Auster
in der die Perle schläft.
 
Atem in Atem
Laut in Laut
Ton in Ton
Wort in Wort
 
Alle undeutlich
sich selbst
und einander
 
In den Mistkübeln
ist noch Platz.
 
Gebrauche nie den Begriff
Liebe
Schone das alte Wort
Es ist so leer geworden
so abgegriffen
so oft mißbraucht
so ausgequetscht
Sein Inhalt kleiner
als ein Fliegenschiß
 
Ob du die Tür krachend zuschlägst
oder sacht zuziehst
macht wenig Unterschied.
Im Raum ist niemand
und vor der Tür
wartet keiner darauf,
dass du wieder zurückkehrst.
 
Der kleine Unterschied ist:
Hast du die Tür sacht zugezogen,
brauchst du dich
für den Lärm
nicht zu schämen.
 
Können Steine atmen?
Sicherlich!
Ihr Atem wird in
Äonen gemessen.
Und wenn sie sich beeilen,
wenn sie hecheln,
wenn ihnen der Atem fliegt,
in Jahrtausenden.
 
So wie ihr Atem für
Menschen unhörbar ist,
ist der Hauch der Menschen
für sie unhörbar.
Was macht das schon?
Hat jemand behauptet,
wir gingen einander ab?
 
Was waren das für Zeiten!
Leichtfüßig kamen die Worte
unbeschwert
nicht beladen von verborgenen Bedeutungen.
 
Vom Sinn entleert
schleppen sich die Worte jetzt
bis aufs Papier
kennen keine Standfestigkeit.
 
Immer wieder plagt der Zweifel:
Ist die Sprache eine andere geworden
oder habe ich mich verändert?
 
Wenn das letzte Wort gesprochen ist
wirst du schweigen
ich weiß – ich gehe dir auf die Nerven
 
Wenn das letzte Wort gesprochen ist
bleibt nur ein schwerer grauer Schatten
über der Glut
die uns einmal verband
 
Wer bläst noch einmal
versucht das Feuer anzufachen
 
Dein und mein Schweigen sind
wenig geeignet
auch nur ein kleines Feuerchen
entstehen zu lassen
 
Jetzt gehen wir einander
nicht einmal
auf die Nerven
nicht einmal.
 
Die Nase oberhalb des Mundes
fest verwurzelt
inmitten des Gesichts.
Links und rechts davon
die Ohren angeklebt
und darüber
das Haar.
Ein Gesicht
gleich einer Wüste am Mars:
unbewohnbar.
 
Der Schrei
Der Schrei füllte
die nächtliche Straße
randvoll.
Komm, brüllte er.
Komm!
In seinem Ton war die Wut zu hören
nicht die Bitte
Komm!
Komm!
Komm!
Sein Rumpf krümmte sich,
der Körper wurde zum Haken.
Sie ging,
drehte sich nicht um.
Komm!
Komm!
Komm!
Die Haut ihres Gesichts brannte,
diesmal nicht vom Schlagen
Sie war entschlossen.
Komm!
Komm!
 
 
 
Zu den Autoren:
Debabrata Chakrabarti. Foto: Philipp Grieb

Debabrata Chakrabarti. Foto: Philipp Grieb

Debabrata Chakrabarti (geb. 1950) ist Honorardozent für Deutsche Sprache und Literatur. Seit vielen Jahren ist er als Übersetzer deutscher Literatur tätig und übertrug u.a. Werke von Günter Grass, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und dem österreichischen Indologen Moriz Winternitz ins Bengalische und Englische. Er ist häufig in Europa, um Vorträge an Universitäten zu halten und an literarischen Projekten zu arbeiten, die der Verständigung östlicher und westlicher Kulturkreise dienen. Mit dem  Buch „Bau dir eine Brücke“ präsentiert Chakrabarti sein Talent als Poet. Das Buch sowie weitere Publikationen können Sie auf der Homepage von Dr. Chakrabarti bestellen.

 

 Anm. d. Red.: Sollten Sie eine Reise nach Kalkutta planen, empfehle ich Ihnen Debabrata Chakrabarti als Stadtführer. Einzigartige Spaziergänge durch Kalkuttas „Welten“ gekoppelt an ein umfassendes Wissen über Geschichte und Kultur, im speziellen über den Dichter Rabindranath Tagore und natürlich den österreichischdn Indologen Moriz Winternitz…..

Contact: Dr. Debabrata Chakrabarti [dchakra@hotmail.de]

fon: ++91-9432646773
  

  Helmuth A. Niederle  geb. 1949, (seit 1. Jänner 2012 im   Ruhestand) studierte Ethnologie, Kunstgeschichte, Volkskunde und   Soziologie. Er ist Beauftragter des Writers-in-Prison-Komitees Österreich und seit Sommer 2011 Präsident des Österreichischen P.E.N.-Clubs. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Tageszeitungen, Magazinen und im ORF, mehrere Jahre Herausgeber der Reihe „scriptor mundi“ in der „edition Kappa“ (München) sowie der Reihe „edition milo“ in den Verlagen Lehner (Wien) und Drava (Klagenfurt). Bibliographie

wallyre2012

“Summerau,96″ wird gefördert von: Land OÖ, Stadt Linz, BKA

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