144. Silvestertext…

Auszug aus gelesenen Texten von Erich Klinger, Gastgestalter des Literaturmagazins „summerau,96“, Ausgabe 144, vom 12. Jänner 2012, ein Nachtrag.

die gesamte Sendung zum nachhören findest du im cba.fro.at archiv.

Diese Sendung handelt von Bahnhöfen und Haltestellen, in Form von Erzählungen, Berichten, Texten…..Die Sendungs-Reise führt in die Union Station von Toronto , auf einen Bahnhof im oberen Mühlviertel, zu aufgelassenen Haltestellen, zum Streit an einer Bushaltestelle, zur sozialen Funktion von Bahnhöfen, und handelt, in Form von Bahnsteigszenen auch davon , dass die sichtbaren und ansprechbaren EisenbahnerInnen auch auf großen Bahnhöfen teilweise rar geworden sind.


Textauszug „Silvestertext“:

„Mein“ EN 463 – 2 Sitzwagen, 2 Liege- bzw. Schlafwagen – hat Salzburg jedenfalls absolut pünktlich um 2.13 Uhr verlassen, und, trotz des stärkeren Andrangs ist es sich mit den beiden Sitzwagen ausgegangen, das luxuriöse ein Abteil für sich haben spielte es da natürlich nicht, auch wenn manche sich noch während der Fahrt vergeblich auf die Suche begaben.

 Wir sind dann kurz bevor der junge Mann in Vöcklabruck auf die Lok geklettert ist und durch einen Stromschlag getötet wurde, Du wirst sicherlich davon gelesen haben, in Vöcklabruck durchgefahren.

Seit Fahrplanwechsel fährt ja wieder regelmäßig (Mo-Fr wenn X) ein Personenzug von Bahnsteig 21 ab, der erste Zug nach Kammer-Schörfling. Und diese Garnitur endet mit der letzten Fahrt ab Kammer-Schörfling wiederum in Vöcklabruck auf Bahnsteig 21. Wo sie auch diesmal, seit Freitagabend stand, 1142 mit zweiteiliger City-Shuttle-Garnitur einschl. Steuerwagen. Ich kann mich noch an die 4030er erinnern, die von diesem Bahnsteig abfuhren. Damals sah der Vöcklabrucker Bahnhof noch anders aus, den Mittelbahnsteig Richtung Salzburg gab es damals sicher noch nicht. Seither sind viele Bahnhöfe zwar funktioneller, aber auch unpersönlich geworden. Man sieht, vor allem nachts, kaum mehr EisenbahnerInnen auf Bahnhöfen. Am ehesten noch in Wels, vielleicht auch in Attnang-Puchheim. Manche Bahnhöfe sind verwaist, die FahrdienstleiterInnen sitzen, wenn überhaupt, im Befehlsstellwerk. In vielen Bahnhöfen „vergraben“ sich die Diensthabenden in ihren Fahrdienstleitungen. Sie müssen sich nicht mehr um die Bahnhöfe kümmern, auch nicht um die Reisenden, die ja dem Personenverkehr zuzurechnen sind. Die FahrdienstleiterInnen sind nur mehr für das Betriebliche zuständig, für den geordneten Ablauf des Verkehrs.

 Ich meine jetzt nicht, dass der Vorfall in Vöcklabruck „früher“ verhindert worden wäre. Trotz mehr Personal auf den Bahnhöfen, auch im Verschub, sind auch früher Jugendliche auf Waggons geklettert und dabei von Stromschlägen erfasst worden. Inzwischen hat sich, vermute ich, schon etwas mehr herumgesprochen, dass derartige Mutproben wenig mit Mut, aber sehr viel mit Dummheit zu tun haben. Tödlicher Dummheit.

 „Darf“ man 16-jährigen zumuten, zu wissen und danach zu handeln, dass man nicht auf Eisenbahnfahr-zeuge, die unter Fahrleitungen stehen, klettern soll? Oder ist das zuviel verlangt, weil 16-jährige „Männer“ im Schnitt in ihrer Entwicklung des Gehirns noch nicht jene Reife erzielt haben, die sie dazu fähig macht, auf derartige Dummheiten zu verzichten, ja, sie wissend auszuschließen?

Rouge Hill, Toronto, Canada 02012011 001. Foto: Erich Klinger

Rouge Hill, Toronto, Canada 02012011 001. Foto: Erich Klinger

Erinnert sei auch daran, dass zu Zeiten als die Dampfloks noch regelmäßig im Planverkehr fuhren und gleichzeitig doch auch schon einiges an Strecken elektrifiziert war, einige Heizer starben, weil sie unter eingeschalteter Fahrleitung die Kohlen am Tender mittels Wasserschlauch genässt haben und in einem unaufmerksamen Augenblick mit dem Wasserstrahl eine Verbindung zur Fahrleitung herstellten, was für die meisten tödlich war. Und das waren an sich eher gestandene Männer, die nicht so unterwegs waren wie jugendliche Abenteurer, denen die Tragweite ihres Handelns gleichgültig oder nicht bewusst ist.

Mich durchläuft ein Schauer, wenn ich mir vorstelle, wie dieser junge Mann da in Vöcklabruck so unmittelbar nachdem ich im Zug Richtung Linz sitzend im Bahnhof Vöcklabruck durchgefahren bin, auf die Lok geklettert und gestorben ist. Vielleicht hätte ich ihn auch noch lebend gesehen, wenn ich alleine im Abteil gesessen wäre. Vermutlich hätte ich in Vöcklabruck, bei der Durchfahrt genauer hingeschaut auf die rechte Bahnhofsseite (Fahrtrichtung Linz).

Was hätte ich tun können, habe ich mich gefragt, wenn ich gesehen hätte, wie er Anstalten macht auf die Lok zu klettern? Den Zugbegleiter suchen? Am ehesten noch sofort die Notbremse ziehen, sage ich jetzt, im Bewusstsein darüber, dass der zeitliche Spielraum in solchen Fällen ein höchstwahrscheinlich sehr kurzer ist.

In Attnang-Puchheim verließen etliche Menschen den Zug, es kam zu Umverteilungen in der Abteilbelegung. Die drei mittelalterlichen Silvesterfrauen, allesamt berufstätig, eine davon bei der Lenzing AG als Buchhalterin, stiegen aus, ohne allzu Tolles in Salzburg erlebt zu haben. Ja, der Regen hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht, vielleicht auch die mangelnde Bereitschaft, sich auf Abenteuer einzulassen, sich fallen zu lassen, geordnetes Vergnügen, es steht fest, dass frau die geregelten Bahnen nicht verlassen wird, und das mit dem Prinzen, oder gar der Prinzessin?, das liegt doch zu weit entfernt.

 Ein junges Paar aus Ungarn, aus Budapest, gesellte sich zu mir ins Abteil. Die beiden hatten die erstbeste Gelegenheit zum Abteilwechsel wahrgenommen, da ihnen die „Mitreisende ohne Fahrkarte“, die ihnen ständig in emotionaler Aufwallung vorkam, schon geraume Zeit nicht mehr geheuer war. „A crazy woman“ hat der Mann sie genannt. Ich habe ihm erzählt, dass der Schaffner wenig Möglichkeiten hat, diese Frau loszuwerden, außer, die Polizei anzurufen und da kann es dann sein, dass die sich nicht für zuständig erklären. Mit körperlicher Gewalt darf er jedenfalls nicht vorgehen und das ist auch gut so. Im übrigen gäbe es bedenklichere Dinge als eine Reisende ohne Fahrkarte.

 Was ich nicht gesagt habe: dass ich mir vor der Abfahrt in Salzburg dachte, dass der Zugbegleiter einen müden, überanstrengten Eindruck machte – zuviele Dienste, Nachtdienste?, ich bilde mir ein, dass ich ihn auch am Abend des 2. Jänner in Freilassing – wahrscheinlich auf dem Weg zur Arbeit? – gesehen habe. Und dass er vielleicht in der Silvesternacht schon „zu groggy“ war, um sich da noch ein großes Theater mit Polizeieinsatz am Bahnsteig anzufangen.

Spannend fand ich auch, dass mich meine Menschenkenntnis hinsichtlich der Arbeitsauffassung dieses Zugbegleiters nicht betrogen hatte, ich war mir sicher, dass er die Reisenden in den beiden Sitzwagen noch auf der Strecke nach Attnang-Puchheim hinsichtlich Fahrkarten kontrollieren würde. Eine der Silvesterfrauen hatte nach etwa 25 Minuten Fahrt ab Salzburg gemeint, sie hätten die Fahrkarten umsonst gekauft, es würde ohnehin niemand kommen. Das war ein Trugschluss und da die beiden Wagen ziemlich voll waren und das Reisepublikum durchaus gemischt auch hinsichtlich der Fahrkartengattungen und Reiseziele dauerte es etwa eine halbe Stunde, bis er durch war – wir saßen in einem der letzten Abteile des zweiten Waggons.

 Gespräch mit dem Paar aus Budapest, d.h. da es sich die Frau an der Seite ihres Freundes gemütlich gemacht und in eine Ruheposition begeben hatte, blieb die Hauptansprechperson „er“, wobei ich sie durchaus als vorhanden wahrnahm und auch in ihre Richtung sprach, sie wurde von ihm ja auch immer wieder zwischendurch als Übersetzungshilfe beigezogen bzw. hat sie von sich aus ein passendes Wort gefunden.

Salzburg Hbf 01012012_Sonderzug Klgft 001. Foto: Erich Klinger

Salzburg Hbf 01012012_Sonderzug Klgft 001. Foto: Erich Klinger

Dass in Salzburg das Wohnen so teuer sei, war ein Thema, und wie sich das in Linz verhalte?

Und, irgendwann, nach dem teuren Salzburg, fiel mir dann ein, dass man ja in Ungarn seit Neujahr auf Bahnhöfen nicht mehr rauchen dürfe – wie bin ich denn nur auf dieses Thema gekommen, weil ich meinte, dass sie auf der langen Fahrt nach Budapest ja noch die eine oder andere Gelegenheit hätten, auch auf dem Weg nach Wien, kurz auszusteigen und nach entsprechender RaucherInnentradition, die kurzen Aufenthalte für eine hastig gerauchte Zigarette zu nützen? Weil mir aufgefallen war, dass wir „mit Vorsprung“ unterwegs waren, also jeweils vor der Zeit in Attnang, auch in Wels und schließlich auch in Linz ankamen?

Also: Ungarn, Rauchverbot auf Bahnhöfen und in öffentlichen Gebäuden, auf Bushaltestellen usw.

Ich sagte, dass mir derart radikale Nichtrauchergesetze „strange“, also seltsam vorkämen und ich mir überhaupt schwer täte mit dem, was ich von Ungarn mitbekomme. Auch wenn mein Englisch etwas weniger lückenhaft war als das meines Gegenüber: für substanzielle politische Gespräche über Ungarn reichte es nicht, noch dazu konnte ich ja bloß mein Wissen aus dritter Hand und dies auch nur auf oberflächlicher Basis abrufen.

 Daher blieb es bei einem Ab- oder Herantasten, einem Wahrnehmenwollen, wie es den beiden so geht mit „ihrem“ Land im Wandel. „Bürgerwehren“, „Zigeunerhatz“ und Etablierung rechtsextremer Strukturen habe ich ausgeklammert, weil ich mich dabei, mit Wissen aus dritter Hand, sprachlich aufs Glatteis begeben hätte.

 Was hätte ich auch sagen können, das sie nicht auch selbst wissen sollten, aus

Mank NÖ_Letzter Tag Krumpe_Dezember 2010 001. Foto: Erich Klinger

Mank NÖ_Letzter Tag Krumpe_Dezember 2010 001. Foto: Erich Klinger

größerer Nähe, mit allen Vor- und Nachteilen dieser Betrachtungsmöglichkeit? Dass ich den Eindruck habe, ihr Land verwandle sich gerade unter Orban in eine mitunter absurde, für manche allerdings nicht nur in vielerlei Hinsicht bedrohliche, sondern auch lebensgefährliche nationalistische Diktatur? Dass sich Orban seine „Verfassung nationalistischer Beschränktheit“ mit propagandistischen Auftrags-„Kunst“werken rahmen lässt? Dass er sich, was ja wirklich absurd ist, in ein Bild hineinmalen lässt, als heißblütiger studentischer Redner für die Rettung Ungarns? Dass Csaba Székely – wie ich tatsächlich zu vermitteln suchte – nach Orbans Wahlsieg als Direktor der gesamten Raaber Bahn (GySEV) abgelöst wurde und als stellvertretender Direktor seither nur mehr für den österr. Sektor zuständig ist? Interessanterweise wird die Raaber Bahn nunmehr von einer Frau geführt, auch das bemerkenswert im Männerzirkus Eisenbahn.

 Ich hatte den Eindruck, die beiden wissen noch nicht, wohin Ungarns Reise geht.

Was sie von den Veränderungen halten sollten. Vielleicht ist es auch die Geschwindigkeit des Umbaus der Republik zu einem nationalistischen Machtgebilde rechtsextremer Prägung, die es für manche nicht fassbar macht, was vor sich geht.

 (Ausschnittt aus „Silvestertext“, basierend auf einem e-mail an Peter Baalmann, Anfang Jänner 2012).

Der Autor und Radiomacher Erich Klinger. Foto: Edith Stauber.

Der Autor und Radiomacher Erich Klinger. Foto: Edith Stauber.

Erich Klinger ist Autor und Radiomacher und lebt in Linz. Eine detaillierte Biografie findest du auf seinerhompage: erichklinger.at

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