Ich schreibe Liebesgeschichten….

Ich schreibe Liebesgeschichten

Johanna Lacroix

Foto: Johanna Lacroix

Dieser Text wurde von Johanna Lacroix gelesen und auf summerau,96 dem freien Radio FRO in Linz gesendet. Hier reinklicken zum nachhören  im Archiv von Radio FRO.

Guten Tag. Mein Name ist Rosamund, ich schreibe Liebesgeschichten. Schon viele hab’ ich geschrieben, sie verkaufen sich gut. Werden verfilmt und im Fernsehen gezeigt. Man sagt, die Straßen wären dann leer, alle wollen sie sehen, die Liebesgeschichten, sie sind nämlich schön und sie gehen alle gut aus. Die Menschen brauchen das. Sie wollen sehen, es geht alles gut aus. Geht alles gut aus, Fernsehen, Film oder Roman, manchmal das Leben auch.

Hat gut bei mir angefangen, verliebt, verlobt, verheiratet, Mann und Geld und ein schönes Haus, ich zog die Kinder auf und nebenbei zog ich Rosen. Sie kennen die Bilder, das  Haus, sie kennen es, liebreizend in die Landschaft gepflanzt, mitten im Grün, von abertausenden Rosen bewachsen, ein Paradies. Sie kennen die Bilder, ich vor  sonnengewärmtem Mauerwerk, rosenbewachsen, zu Füssen mein bester Freund, der Hund. Den haben sie mir geliehen. Ich habe nur einen Freund, er heißt Gin, der ist treu wie ein Hund.

Das Haus, nun das war echt, und bisweilen suche ich sonnengewärmtes Mauerwerk auf, um mich etwas zu wärmen, um die steifen Glieder zu trösten, nachdem sie in den finsteren Winkeln gekauert sind, stunden, tage, auch wochenlang. Ich schleiche herum und suche die Winkel ab, taste im Staub nach Vergangenheit alle Zeit, die Zukunft, gewesen, aus und vorbei. In einem der Winkel, dort, wo kein Licht hinfällt, dort muss es sein, Anfang, Ende, Ungewissen, Plage, die unsichtbare Krankheit, die keinen Namen hat. Dort wird mein Pilgern zu Ende gehen. Das Haus, ein Gefangenenhaus, ein aushöhlender Traum von Rosen umwuchert, die nur aus Dornen bestehen, ich bin das Dornröschen, das seine Märchen sich selber schreibt.

Ich, Körperhülle, zementiert, korsettiert, von Fischbein und Geldschein gestützt, stattlich, mächtig, sieht immer gut aus, im Inneren gähnend und leer. Millionen, unzählige Wörter ausgeleert, ausgeflutet, hingegossen, hingegeben. Ich kann nicht mehr.

Oh…bitte, schneiden Sie das heraus. Gut? Ja.

Und bitte glauben Sie mir, ich habe alles versucht, die verloren gegangene Unschuld zurück zu gewinnen, wieder zu gewinnen. Ging ins Casino, versuchte mein Glück, setzte hoch, gewann und verlor, gewann und verlor…

Die Kinder wuchsen hinaus, wuchsen in Schulen fort und irgendwann saßen mein Gatte und ich allein bei Tisch,  nach dem Essen legte er sich auf das Sofa, sein maßloses Schnarchen, es störte mich. Um ehrlich zu sein, ich konnte es nicht ertragen. Bei  Nacht, nun gut, da schlafe ich fest und muss es nicht hören, es dringt mir nicht an das Ohr, dazu sind die Wände zu dick. Am Tage, da scheinen die Wände so dünn, das Schnarchen verfolgte mich über den Flur, bahnte sich Wege durch Spalten und Ritzen und überall hin.

Also beschaffte ich eine Schreibmaschine, begann zu schreiben, das wilde Klappern übertönte bald jedes Geräusch. Ich schrieb und schrieb. Ich schrieb und schrieb, ich schrieb, packte alles zusammen, alles in eine Geschichte hinein.

Wie beim Kofferpacken: was ich mitnehmen wollte, das legte ich sorgfältig aufs Bett, prüfte gut, ob auch all die Teile, die ich mitnehmen wollte, zusammenpassten, sich farblich und im Stil harmonisch ineinander fügten, sehr wichtig – Gleichklang und Harmonie.

Was nicht so gut passte, das nahm ich weg, ehe ich alles behutsam zwischen die Deckel legte, nichts konnte ein Fältchen abkriegen auf der kleinen Reise an die sauberen Küsten, dorthin wo immer und ewig die Sonne lacht. Ja, die Produktionen für das Fernsehen sind sehr, sehr teuer, es regnet doch andauernd, das Team sitzt in den Hotels fest und muss  besseres Wetter abwarten. Es regnet nicht nur vom Himmel, es regnet überall her. Von allen Seiten regnet es her. So mancher Regisseur ist schon an die Algarve oder weiß Gott wohin ausgewichen, Hauptsache es steht Cornwall drauf und es sind meine Geschichten drin, alles andere…

Wie seltsam, das Wort Mogelpackung liegt mir im Mund. Egal. Nicht ein Wort von dem, was ich schreibe in meinen Liebesgeschichten, ist wahr. Die Wahrheit will keiner hören, will keiner hören. Die Wahrheit sitzt im Genick. Hindert am reden. Schnürt die Kehle fest. Lieber sich dem Zauber der Phantasie hingeben. Lieber eine neue Welt erschaffen, als die alte, ach, ich weiß nicht, besser machen? Aber wie? Doch nicht, indem man die Wahrheit sagt, ich kann das nicht, ich nicht. Die Wahrheit tut weh, genauso weh, wie, wie… Wie damals, als sie geschehen ist, darüber spreche ich nicht. Wen, um Himmels Willen, würde das wohl interessieren, was der kleinen Rosamund widerfahren ist, vor vielen, vielen Jahren. Und was geschehen ist, ich weiß es selber nicht, nicht so genau.

Ich habe alles im Griff, mein Verstand ist klar, nur meine Gefühle, die schlagen aus. Das Alter. Gefühle entweichen mir, ich bin zu langsam, sie einzufangen, sie gehen mir durch, gehen wohin sie wollen, dorthin, wo ich nicht will, wo ich nie jemals war, nur das andere Ich, mein Gefühle-Ich, es war dort, doch hab ich vergessen, wo alles war. War es im Traum, denn im Traum gehe ich immer wieder zurück. Ich habe alles vergessen. Es sind diese Gefühle, ist nur dieses eine Gefühl, lässt nicht von mir ab, macht müde, oh Gott bin ich müde.

Ich frage mich, was macht mich so müde, das ewige einpacken der guten Stücke, das ewige aussortieren, was kommt hinein, was bleibt da? Natürlich, ich habe Hilfen und in letzter Zeit kritzle ich nur welche Namen, Orte zusammen, das muss denen genügen, daraus einen Bestseller zu fabrizieren. Das Gute an den guten Geschichten ist, dass sie so einfach sind, metaphernlos kommen. Das Gute braucht immer nur gut sein, sonst nichts, das Gute braucht keinen Vergleich, man nennt es beim Namen und schon ist es gut. Die Sonne lacht und der Himmel ist blau. Selbsttätig schrauben sich die Verkaufszahlen, die Quoten hoch, die Kinder brechen einen neuen Streit vom Zaun: wem steht was zu und wie viel?

Wie schön, vor dem Fenster Lavendel, er wird bald blühen, schon bald, nein, er fällt um, fällt um, abgemäht, die unsichtbare Hand mäht ihn ab, der sonnige Tag vor dem Fenster dreht sich im Kreis, wirbelt nur dunkel vorbei, wühlt mich auf, dreht meine Gedärme herum. Das Gefühl, als wenn Mauern bröckeln, das Gefühl, als ob Motten im antiken Wandbehang fressen und schon fallen die Stücke herab und zu Staub, das Gefühl, es nicht mehr zu schaffen, zu sterben, sterben zu müssen, bevor ich es weiß. Wie kann das nur sein: ich kenne die Wahrheit und weiß sie nicht? Ich kenne nur das Gefühl, bin von oben nach unten aufgeschlitzt, ein Riss, nirgendwo ist das Ende und nirgendwo fängt er an. Ich werde gefragt, ja wie machen Sie das nur, ich sage, ach, es sprudelt alles aus mir heraus. Eine Liebesgeschichte auf die nächste und immer so fort.

Es sprudelt heraus. Alles aus mir heraus, kein frisches, klares, nur abgestandenes, altes. Alles, was der sumpfige, schmutzige, schlammige Abwasserfäkalstausee nur auszulassen vermag, alles heraus. Partikelmassen von Dreck. Zwischendurch frage ich mich, wer das alles in den relativ schmalen, auf nur einige wenige Kubikmeter Körperraum, Kleidergröße 10, abgeladen haben mochte…

In einem Traum, kürzlich erst, stand die Lösung der Frage im Raum, denn erstmalig in Jahrzehnten träumte ich vom Penis meines Großvaters, der sah darin aus wie ein seltsames Frankfurter Würstchen,  wie eine Faschingsattrappe, seltsam unschuldig, von jeder Verantwortung frei. War das die Herkunft meiner Zustände, der andauernden Bedrängnis, der eigenen Ungnade, der ich immer ausgesetzt war? Dem Fremdsein im eigenen Körperland, dem immer den Pass herzeigen müssen, dem immer Angst haben müssen, den Pass nicht dabei zu haben, dem ununterbrochenen auf eine Strafe warten.

Das große rote Großvatertuch, es legt sich über mich, deckt meine Stirn, meine Gehirnlappen zu, nimmt meine Wahrnehmung fort. Ich soll es nicht wahrnehmen, soll anderes glauben, soll glauben, dass nichts gewesen sei, dass nichts war und was war, war nicht wahr.

Aber es war. Es war wahr.

Waren auch meine Sinne verdeckt, das Sehen, das Tasten, das Wehren, mein Geruchsinn war frei. Durch die Nase atmete ich Erinnerung, die Wahrheit kam eingedrungen, daran behielt ich Erinnerung, jeden Tag, jede Nacht, jeden Moment, Erinnerung, die sich nicht auslöschen lässt. Atme ich heute diesen Geruch, den Geruch des Verstörers, Missbrauchers, so graust mir, denke ich diesen Geruch, wird mir schlecht. Jeder, jeder daran auch nur angelehnte Gedanke verursacht mir Übelkeit.

Erklärt sich so das Gewicht meiner Depression?

Ist meiner Mutter das gleiche geschehen, ist es ihm genauso ergangen, dem kleinen blonden Mäderl, vom Vater vergöttert? Später verdammt, weil sie sich einen Mann gesucht hat, einen Schwächling wohlgemerkt, einen, der für ihren Vater als Zielscheibe des Spotts herhalten konnte. Trug sie auch die rote Schleife im Haar, die sich in den Dornen verfing, hat sie auch gezappelt und keine Luft gekriegt? Waren ihre Füße kalt, kleine kalte Klumpen, die sie nicht einschlafen ließen? Ist meiner Mutter das gleiche geschehen und konnte ich sie deshalb nicht lieben? Und warum habe ich früher geglaubt, dass ich es könnte? Damit ich weiterzuleben imstande war? Ich sagte mir ständig vor, ich lebe weiter, damit ich ihr keinen Schmerz zufüge…

Gibt es was anderes im Leben außer Fragen? Ist das Leben die Frage? Die Antwort? Frage und Antwort? Alles in einem? In einem und einem fort.

Warum hat jemand meiner Unbeschwertheit diesen Stein umgehängt?

Warum hat jemand meinem Kindsein ein Loch gerissen?

Ich muss stopfen, auffüllen, ausfüllen, damit keiner es sieht und ich selbst es nicht spüre, Millionen Wörter, Wörter, Wörter, Lügenwörter, Wörterlügen. Hoch bezahlt.

Warum tröstet mich nicht das Geld?

Meine innersten Gedanken, sie gehen verloren, ich suche die Schemen und finde das Nichts, angstzersetzte Benommenheit, ein Gebräu von Adrenalin rieselt in meinem System, weil nichts von mir bleibt als ein Wörterskelett, vom Mondlicht gebleicht, wenn ich erwache im Dunkeln und versuche, den Traum zu vergessen…

Jedenfalls war der Tod meines Großvaters die erste große Erleichterung, die ich in meinen Leben zu spüren bekam. Zwar wurde nichts wirklich besser danach – sein Schatten fiel unerbittlich und hart – er war immer noch da, die Tatsache, dass sein Körper fort war, das war Erleichterung.

Ich sehe ihn. Weit, weit hinten seh’ ich ihn.

Nackt bin ich, enthäutet bis auf das Herz, das schlägt, aber stumm. Mein Körper gehört mir nicht, meine Seele – wie komme ich dazu? – hat sich dort hineinverirrt in die fremde Körperwelt,  kommt nicht mehr heraus. Ich bin enthäutet, Pergament rollt sich auf. Die Puppen des umstrittenen deutschen Arztes, der die präparierten Körper der Toten in Wanderausstellungen zeigt. Nur für Erwachsene.

Ich sehe die Vögel tot auf der Straße, stumm, sie singen nicht und sie schreien nicht, schwarzes Gefieder liegt stumm zwischen kleinen Gedärmen, die blutig stinken in feuchter Luft neben saftigem Grün weil es Frühsommer ist. Schwarz und stumm. Gedärme die stinken, keinerlei Knochen, die Knochen zermalt, ausgesaugt und abgekratzt.

Ich sehe ihn. Nackt.

Meine Nacktheit tut weh. Die kleinen, hauchfeinen Knochen zermalt.

Nur ein harter Griff und ein zarter Schrei.

Verzeihen Sie bitte, ich hole weit aus. Wo waren wir stehen geblieben?

Die Kinder, ja, wuchsen hinaus. Ich besorgte eine Schreibmaschine und schrieb. Manisch wälzte Geklapper die Depressionen fort, husch, husch, fortstehlen aus der Wirklichkeit, der Wahrheit entkommen, fast jedes Mittel ist recht.

Es geht der Wind und mein Atem geht schwer.

Ich gehöre dazu und bin nicht dabei.

Ich sehe Gesichter dort wo nichts ist.

Ehe nicht alles gesagt ist, kann ich nicht reden.

Mein Leid ist verschwiegen.

Gedanken sie spielen.

Gedanken sind frei.

Gin!

Gin, wo bist du? Gin Dschinni, mein Freund, Flaschengeist, mir erschienen…

Diana

Eingefroren.

Fahrzeuge in ihrer Bewegung, aufsteigender Rauch, vertrocknete Pflanzen in Gärten erstarrt, rot und braun, lange Schatten bis über die Wiese hin, Krähenflug, fort.

Winter.

Sie gingen hinaus. An jedem Tag diesen Weg, der Festung zu auf dem Berg. Viele Stufen aus altem Stein, moosbewohnt, in Reifgeweben versponnen, Sonne machte sie schimmernd, Laternenlicht matt. Verschlossen die Blätter im kristallklaren Eis, hergebracht aus dem Herbst mit feinen Lufteinschlüssen hübsch konserviert bis zum Verfall, gefrorene Rinnsale versiegten unter bleichen Garben aus abgestorbenem Gras.

Diana bewegte sich leichtfüßig und elegant, während er –  mit derben Stiefeln, die er auch zur Jagd trug in Gebirge und Wald – einschlug mit seinem Schritt der offenen Landschaft zu. Alles lag still, hingelegt neben den Pfad in den Wald. Auf borkigen Rinden, weit oben, efeubesetzt, die feinen Eichkatzerlkrallen, fangen spielend in Spiralen hinauf und hinauf, dünne Pfiffe entfuhren einem spitzen Gesicht. Spuren dem Waldrand zu, liefen fort, Hase, Reh, Dachs.

Unterhalb der schroffen Felsen fraßen erste Lichtdentriten sich in unbebaute Stadtteile vor.

An jedem Tag trafen sie dort, wo drei Wege sich kreuzen, die einzahnige Frau, über deren Schulterpartie eine lebendige Katze lag, die stellte sich tot, sie fauchte und gähnte nicht, das Fell war dunkel und schwarz gestreift, grüne Augen spähten  –  als ob sie das Sehen übernommen hätten und Navigieren – so thronte die Katze und zeigte der Herrin die Richtung an. Als ob die Katze der Frauenkopf sei.

Der Aufgang zur kleinen Kirche, eingebettet im Nebelwall, war heute mit Fackellichtern erhellt, Feuer wie Rauch. Blechern dröhnten Weihnachtsweisen vom Turm. Aus dem Himmel fielen Kristalle von Eis, fielen auf Mäntel, auf den gefrorenen Boden, nackt, wo alle den Schnee hinwünschten, noch kam er nicht her. Am Kirchplatz angepfahlt eine hohe Fichte mit Lichterketten geschmückt, rings einige hölzerne Hütten im Kreis, von  Mistelzweigen, Plastik oder Laternen verziert, kein Glückshafen hier. Vor den Hütten scharten sich Menschen, drängten, riefen in die Hütten hinein, noch einen und noch einen, noch einen für mich. Dann hielten sie Gefäße in Händen, aus denen stieg Rauch, der begehrte Duft, alle sogen gierig daran.

Er stellte sich in der Reihe an und rief nach dem heißen Wein, kehrte damit zu einem roh gezimmerten Holztisch um, eine Gruppe gewährte ihnen den Platz, er sog gierig den Duft, nahm einen zügigen Schluck und bald war das Häferl geleert, die Kontakte geknüpft, er befand sich inmitten der Gruppe im angeregten Gespräch, Worte flogen hin und her, her und hin auf Atemfahnen mit alkoholischen Farben bemalt, man trank auf Brüderschaft und auf das nahende Fest. Männer, darunter nur eine Frau, die öffnete kaum den Mund, wenn sie zum Trinken ansetzte, dann war hinter dem auffällig fuchsienroten Lippenlack eine Implantatreihe zu sehen. Ihren Mantelkragen schmückte das lange, blau-schwarze Haar eines gehäuteten Affen, auf dem ihr eigenes, in Kaskaden vom Scheitel fallendes Blondhaar erstrahlte und immer wieder Blicke in seinen Bann hineinzog. Die Worte flogen, ohne Inhalt und leer, mit großen Bissen von Gänsefettbrot die Münder gefüllt,  aufreizend der Geruch, er betörte Diana zutiefst.

Das Getöse der Weisenbläser ließ nach, ging zu Ende mit einem besonderen Lied, die Blondine war zu Tränen gerührt, in ihren blanken Augen stieg Wasser an. Mit Gepolter kamen die Musikanten herab, gesellten sich unter die Marktbesucher, auch sie sogen jetzt gierig den heißen Wein. Nur kurz war es still auf dem Turm,  Diana erschrak unter dem dumpf-metallenen Schlag des Glockentons, tiefer Hall durch den Nebelwall. Die Runde geriet so richtig in Fahrt. Zur Hütte hin, das nächste Häferl bestellt. Glühweinaustrinken im Viertelstundentakt. Und pünktlich mit dem nachfolgenden Glockenschlag das nächste Häferl bestellt. Fort und fort.

Als die Glocke zuerst viermal, dann neunmal schlug, machten die Hüttenbetreiber die Hütten dicht. Nicht ganz sicheren Schritts gingen die Menschen in verschiedene Richtungen, voneinander, irgendwohin. Die Fackeln am Wegesrand waren heruntergebrannt, lagen dort stumm in Fasern von Schwärze und Russ. Er und Diana wohnten in einem Schloss. Die Wände der Hallen und Gänge hingen voller Trophäen, eine jede davon mit dem genauen Abschussdatum wie auch dem Ort der Handlung versehen.

Im Salon – oliv gehalten, Fensterrahmen und Türen in jagdgrün dazu, durchaus schön – wartete ein Kaminfeuer, große Buchenscheite warfen machtvolle Flammen,  verbrannten die Zeit, es war keine Zeit , sie blieb stehen, die alten Uhren taugten nicht mehr.

Vor dem Kamin auf einem Fell lag Diana, ihr seidiges Haar schimmerte bronzen im Feuerschein, sie träumte von einem warmen, sonnigen Land.

Er streichelte ihren Nacken, die Ohren.

Da riss der feste Griff Diana aus ihrem Schlaf, umklammerten seine Finger eisern Haarbüschel und Haut, dann kam der brennende Stoß, der grausame Schmerz, den sie fürchtete und sie jaulte auf, winselte und beklagte im hohen, kindlichen, weinenden Ton.

Als er fertig war, flüsterte er zärtlich mit ihr und sagte, dass nur sie seine Brave war.

Die Hündin Diana verstand etwas nicht.

Vor den Fenstern im Schwarz kahle Zweige im Wind.

Der Schnee kam her.

Bilder einer Ausstellung

 Von irgendwoher, aus einem unbekannten, tiefen Bereich des Hauses herauf oder aus einem anderen, benachbarten Haus hörte sie eine Gitarre, die weinte. Aus dem Himmel vielleicht. Sanftmütig und süß war ihr Klagen, harmonisch im Takt mit dem Tropfen des Wasserhahns in gelb leuchtende Fülle hinein.

Das Beste an der teuren Wohnung war dieses Bad, es war großzügig, geräumig und schwarz, Wände wie Boden in schwarzem Stein, die altmodische Wanne aus weißem Email mit dem heißen Wasser befüllt und die Luft mit Dampf und einer sinnlichen Aura von kostbarem, japanischen Badesalz.

Vergangenen Sommer, als sie nachts auf  das Dach gestiegen war, hatte sie zum ersten Mal die Gitarre gehört, bei Vollmond und sie fand keinen Schlaf. Die Musik war so leise, dass man, wenn man schlief sie nicht hörte und wenn man nicht schlief, hörte man sie wie im Traum. Die ganze Nacht bis zu Monduntergang lag sie im Licht und träumte Musik. Dann ging sie hinunter und schlief. Es war ein sich wiederholender Traum. Als er zu Ende ging, blieb das Gefühl sanfter Trauer von Abschied. Doch es war kein Abschied für immer, denn nach einigen Wochen tauchte das Weinen der Gitarre herauf wie aus dem Nichts, an einem Samstagvormittag, so wie heute im Bad.

Sie lag, mit ihrem sich entspannenden Nervenkostüm und Sehnsucht bekleidet, mit Händen an glatter Haut und betrachtete über den Wannenrand hin einen Scherenschnitt – im Vorgarten kahles Gezweig, den eisernen Zaun und Silhouetten lautloser, einsamer Menschen, die in gebeugter Haltung von der einen Seite zur anderen glitten, manche schneller, manche langsam.

Die Musik, das Tropfen des Wasserhahns, der kostbare Duft, sanftmütig und süß, ihre Haut weichte sich auf, sie schlief ein und als sie erwachte, war es ganz still, nur mehr der Tropfen fiel in die Stille hinein, bedächtig im Takt, das Spiel war zu Ende gegangen.

Sie machte sich auf den Weg zur Haltestelle der Untergrundbahn. Beim Verlassen des Hauses, im Hinaustreten unter fahles Großstadtlicht währender Dämmerung, überquerte jemand den Platz am Ende der Straße mit einem Gitarrenkoffer in seiner Hand. Seine Kleider waren dunkel, er trug braunes, bis zur Schulter reichendes Haar. Er bewegte sich langsam, aus den Hüften und weich.

Vor wenigen Tagen hatte der Winter, der  lang und kalt gewesen war, aufzutauen begonnen und fort zu gehen in ein anderes Land.

Die Schneedecke lag zerrissen, schmutzig ausgefranst, hässlich am Straßenrand, überzogen von einem Muster abgeschossener Feuerwerkskörper, Splittern greller Plastikhülsen und Verpackungsmaterial, das am Verrotten war und mit fremdartigen Schriftzeichen versehen. Über Schießpulverspuren hingestreut Sektkorken und zerbrochenes Glas. Krähen stolzierten darauf und riefen einander zu, indem sie Schnäbel  wie Köpfe zurückwarfen und ihnen ein tiefes Schnarren entfuhr mit einer flüchtigen Wolke dampfenden Atems heraus aus dem Schwarz.

Nichts Neues hatte das Jahr noch gebracht, es war alles beim Alten geblieben.

Am Ziel. Aus dem Untergrund. Zur Ebene der Straße hinauf.

Einen kurzen Moment lang blendete Sonnenlicht, das aus einem Türspalt der Dämmerung fiel, Sonnenlicht und eine Ahnung auf Frühling, auch sprachen Paare davon, die sich unentwegt überall um sie herum immer einander zuneigten, ununterbrochen zuflüsterten, sich umarmten und ohne Unterlass küssten.

Den breiten Gehsteig entlang geradewegs dem Museum zu.

Jemand ging weiter vorne, er bewegte sich langsam, aus den Hüften und weich. Seltsam befremdend tanzte ein Schwarm schwarzer Fliegen dort wo er ging.

Seit Wochen hatten großflächige Plakate an öffentlichen Plätzen und in allen U-Bahnstationen die Ausstellung angekündigt. Eines dieser Plakate zog sich über die monumentale Front des Gebäudes, unterhalb auf den Stufen saß eine Frau. Ein Mann mit ausgebreiteten Armen eilte der Frau entgegen, die sich schnell erhob, sobald sie ihn sah und sie  küssten sich und umarmten sich.

Noch war es ruhig am Eingang und die Schlange der Wartenden kurz, doch nach Minuten schon reichte sie weit zurück um den ganzen Block.

Man betrat den ersten Saal – einen Raum von sakraler Höhe – durch ein Entree, in welchem annähernd völlige Dunkelheit herrschte und schritt auf einen blutroten, in der Mitte sich teilenden, von der Decke bis zum Boden reichenden Samtvorhang zu.

An blutroter Wand dahinter bannte den Blick ein einzelnes, großes Gemälde in Gold gerahmt. Es war nur spärlich von oben erhellt.-

Auf einer Bettstatt liegt hingestreckt eine Frau. Ein Gewand von weißem, durchscheinenden Musselin umspielt die Weichheit ihrer Formen, Konturen, den Rücken im Hohlkreuz gebogen.  Darunter fließt eine golden-hellrote Decke, fließt hinunter und über den niedrigen Stuhl.

Leblos sind der Kopf, das matt schimmernde Haar nach hinten gesunken, ihnen zur Seite hängen die bloßen Arme herab. Der Arm im Vordergrund, dessen Gelenk ein schmales Band umgibt, berührt den Boden, die Finger biegen sich sanft. Der Mund steht etwas geöffnet, die Augen geschlossen. Klein und wohlgeformt ihr schlanker Fuß zu Ende eines schmalen Tales auseinander gefallener Schenkel. Im Hintergrund, von unsichtbaren Kandelabern spärlich ausgeleuchtet, das Dunkel eines Vorhangs, erdbraun gefärbtes Rot, abfallend ins Schwarz, schwere Falten, eine Kordel, die Quaste eines Klingelzugs. Das wartende Ross, Nüstern gebläht, steckt seinen Kopf herein und glotzt starren und blanken Auges einfältig zu seinem Herrn, dessen mächtiger, Hörner tragender Schatten sich  aus dem Dunkel erhebt.

Er sitzt auf der Frau, er ist schwer, von gedrungener, muskulöser Statur, sein Gesäß mitten auf ihrem Schoß, die Fell-bewachsenen Füße fest auf ihr Brustbein gestellt. Überlang wie seine Arme sind die Glieder der Finger, er hält sie an seinem Gesicht, dem breiten Schädel mit spitz zulaufenden großen Ohren. Ein wenig schimmern die leicht gekrümmten Klauen hervor. Der Mund, Lippen aufeinander gepresst, Winkel herabgezogen im Spott, verheißt Böses und unerbittliche Lust. Sie ist in seinem Besitz. Er wird sie nicht mehr verlieren. Lange Zeit stand sie gefangen, dem hämischen Inkubusblick hier ganz ausgesetzt und dem Gewicht seines massigen Körpers, das verspürte sie am eigenen Leib. Schauer und Bände sprechendes Begehren.

Das Gewicht fiel nicht von ihr ab, von der Menge der Ausstellungsbesucher weiter getragen in den nachfolgenden Raum, wo Antike und Mythos warteten und Legenden erzählten von Prometheus’ unzähligen Qualen, verspürte sie das Gewicht am eigenen Leib, das Gewicht breitete sich aus. Ein Paar, neben ihr von Bild zu Bild wandernd, geriet in eine Diskussion, verhalten schrieen die beiden  sich im Flüsterton gegensätzliche Meinungen zu, so schien es jedenfalls, da die Frau behauptete, jegliche Kunst entspringe ausschließlich menschlichen Bedürfnissen wie Eros oder Religion und der Mann etwas anderes meinte, das war jedoch kaum zu verstehen, etwas wie: alles zu reduziert…wieder einmal…

Der Saal III nun lag fast zur Gänze im Dunkeln, die Wände erschienen in Schwarz, vielmehr in einem nächtlichen Blau, in der Mitte  ein großer ovaler Tisch mit antiquarischen Büchern darauf, rings standen elegante Hocker bereit, meist waren sie schon besetzt. Sie ließ sich auf den nächst besten nieder, sie wollte rasten, die Luft wurde schlechter, die Menschen zuviel. Sie nahm eines der Bücher – diese waren mit messingfarbenen Drahtseilen irgendwo im Tischinneren befestigt – zur Hand, es wog leicht, sie hatte das Gewicht eines Folianten erwartet, das hier  waren zurechtgemachte, stilvolle Attrappen, deren aufgeschlagene Seiten in gotischer Schrift mit altertümlichen Texten bedruckt. Zu jedem dieser Texte gehörte jeweils ein Bild an der Wand, das mit ihm korrespondierte.

Die veraltete Sprache war schwer zu verstehen und sie versuchte es mit einem anderen Werk. Ein Sommernachtstraum. Da spürte sie Spannung im Seil, es straffte sich,  das Buch rückte etwas von ihr ab, sie zog leicht dagegen. Unterirdisch hatte sich das Messingseil mit dem Seil eines anderen Lesers verschlungen.

Sie blickte auf.

Sie blickten sich an. Sie lächelten beide, so schien es, die Sicht war sehr schlecht. Verlegen senkte sie ihren Blick und als sie wiederum aufsah, war sein Platz leer. Mühevoll suchte sie einen Sinn im Gelesenen, es verwirrte sie bloß. Die Buchstaben begannen zu tanzen, der Kopf wurde schwer. Er war aufgestanden und betrachtete einen der Stiche, er kam an den Tisch zurück und setzte sich neben sie. Sie riskierte einen ganz kurzen Blick zur Seite hin. Aus dem Nachtfirmament der hohen und wenig erleuchteten Decke fielen Strahlen auf John Miltons Verlorenes Paradies und fielen auf seine Hände, feingliedrig und schlank, mit hervortretenden Adern, seine Nägel waren sehr lang. Seine Lippen bewegten sich ohne Laut und gleichzeitig umspielte sie etwas – ein spöttisches Lächeln. Das Profil war klassisch, seine Haare braun, von einer Länge, die deutlich die Ohren verdeckte, doch schimmerte flüchtig sein Ohr, groß und  spitz zulaufend, durch das Braun.

Sie spürte das Blut in den Adern und dass etwas in Glut versetzt war.

Er klappte bedächtig die Buchdeckel zu, erhob sich, verließ diesen Raum in Richtung des nächsten Saals. Sein Gang war langsam. Wie er die  Hüften bewegte und weich einen Fuß vor den anderen setzte, schien es, als würde er kaum den Boden berühren.  Auch sie stand auf, versuchte die Menge zu überschauen, bahnte sich einen Weg zwischen  Leibern hindurch. Der Weg führte an ihm vorbei, nach Sekunden schon war er verloren, war sie verloren und alle Wege waren verloren. Sie konnte nicht vor, nicht zurück, bis die Masse sie weiter trug, sie durch mehrere Säle schob, bestimmt durch den langen Gang und hin zu einem Cafe. Unbestimmt leer saß sie vor ihrem Tee, sie spürte das Zittern der Knie, wurde augenblicklich seiner Gegenwart wieder gewahr, spürte ihn, im Rücken diesmal, fast wagte sie nicht, sich umzudrehen.

Er war da. Seine Augen, irisierend grün im Kantinenlicht, blickten sie direkt an.

Sie trank den Tee und stand auf.

Er war fort.

Verzagtheit. Erleichterung. Verzweiflung.

Weiter führte der Rundgang zu einem Saal ganz in Weiß, wo mittels einer kleinen Tafel darauf hingewiesen wurde, dieser Bereich, hinter einem dezenten Paravent platziert, enthielt Ausstellungsmaterial nur für Erwachsene gedacht. Vollendet in Kupfer gestochen, präsentierten sich die pornographischen Darstellungen an der unschuldig weißen Wand. Das Paar aus dem Saal II verharrte schweigend vor einer Komposition Theodore Von Holsts, welche dieser im Auftrag seines Königs gefertigt hatte. Sie trug den Titel Erotische Szene mit einem Mann und zwei Frauen.

Schweigend schritten die beiden weiter zur Darstellung einer Frau.

Diese scheint  einen Jungen oder einen sehr kleinen Mann zu foltern. Er liegt vor ihr auf dem Bett. Der Gegenstand in ihrem erhobenen Arm könnte ein Messer, eine Bürste, vielleicht ein Stemmeisen sein. Der letzte Raum, eine Kammer eigentlich, hüllte sich wieder zur Gänze in Dunkelheit, wie aus dem Fegefeuer traten freskenähnliche Projektionen, Irrlichtern gleich, über die Wände hin. Dämonen, Gebeine und grausige Schädel, um welche sich Knäuel von Vipern wanden. Das Züngeln bösartiger  Flammen und sämtliche Schrecknisse vergangener Zeiten vereint.

Nacht.

Stickig, unerträglich und heiß, alle Luft war verbraucht.

Sie lehnte, benommen fast, an der schwarzen Wand. Der Gestank der Menschen verwob sich mit seinem Geruch, mit seinem Atem, stoßend und schwer. Schwefel und kalter Schweiß.

Sie stand an der Wand und fand keinen Halt.

Sie brauchte nicht Halt, er hielt sie mit gierigen Blicken ganz fest. Tief griff das Grün seiner Augen und wühlte. In ihrer Mitte.

In ihre Tiefe hinein.

Dort und da regten sich Lichtgespenster, ein Flackern, dann fing das Zusammenfalten schwarzer Flügel sie auf.

Johanna Lacroix. Foto: Privat

Johanna Lacroix. Foto: Privat

Johanna Lacroix

Kurzbiographie: freischaffende Künstlerin (Photographie), Sprachsucherin und Autorin, lebt in Salzburg-Bergheim.

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