‚ Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ‚….

   …..öffnet sich die virtuelle Welt*

von em. Univ.- Prof. Dr. Henrik Kreutz

Einleitende Gedanken: Die Erfahrungen des Sommers und des Herbstes 1944 und insbesondere die Ereignisse an diesem zehnten Oktober haben meine persönliche Identität  grundlegend geformt.

Später, nach den Jahren in Ungarn, etwa in der Zeit von Herbst 1947 bis Sommer 1949 im  Rheinland, erlebte ich als Kind auch nach unserer Emigration weitere glückliche Lebensphasen. Dieses dritte Stadium meines Lebens schloss sich an die zwei Jahre, die wir in Österreich gelebt hatten, an. Zwischen solchen ruhigen Phasen traten aber immer wieder Krisen, ja manchmal auch Katastrophen, so dass die Anspannung nie ganz wich.

In dieser Zeit lebten wir in einem Kreis, in dem auch ungarische Emigranten noch eine wichtige Rolle spielten. In dieser Phase spielte  die virtuelle Welt, vor allem durch Literatur und Musik vermittelt, meiner Lebensgeschichte entsprechend eine große Rolle. Neben der Musik von Benjamin Britten, die ich abends – ich hatte einen Volksempfänger unter meinem Bett versteckt – nach dem ‚Schlafen-Gehen‘ im Sender ‚British Forces Network (BFN)‘ hörte – und der gemeinsamen Lektüre ungarischer Literatur mit meiner Mutter – etwa der erschütternden Geschichte des Dienstmädchens >Anna< von  Dezsö Kosztolányi – , übte die Erzählung von Rudyard Kipling über die Kämpfe des Mungo  ‚Riki – Tiki -Tavi‘ mit den Schlangen, die  in den Bungalow, den er  bewachte, einzudringen versuchten, eine große Rolle. Die Fähigkeit von Riki, dem starren Blick der Schlangen Stand zu halten, von ihren  Augen die Richtung ihres blitzschnellen Vorschnellens zu erkennen und daher ihrem tödlichen Biss ausweichen zu können, faszinierten mich.

Alle diese späteren Einflüsse der realen und der virtuellen Welt haben die grundlegende Formung durch die Ereignisse des Jahres 1944 höchstens modifiziert. Nicht selten aber sogar  nur noch verstärkt und vertieft………

I.

 Am 10. Oktober 1944 sitze ich – ein   eigenwilliger  Knabe von 5 Jahren und 11 Monaten – zur Mittagszeit auf dem Kutschbock eines Pferdefuhrwerks neben einem freundlichen alten Arbeiter, der noch viel von einem Bauern an sich hat. Ein braunes Pferd zieht den Wagen, der über eine besonders große Ladefläche ohne irgendeinen Aufbau verfügt. Solche Fuhrwerke werden  für den Transport von Spindeln in den Spinnereien eingesetzt. Diese Spindeln sind große und kleine, konisch verlaufende, lackierte Pappzylinder in verschiedenen bunten Farben, die sich auch herrlich zum Spielen eignen.

Mein Vater ist Leiter der ‚Fono ketö‘, einem für die damalige Zeit  ultramodernen Betrieb mit halbautomatischen Spinnmaschinen, die erst Ende der 30er Jahre aus den USA importiert worden waren. Dass mein Vater die Leitung dieses Vorzeig-Betriebes erhalten hatte, ist möglicherweise nicht unabhängig von dem Umstand gewesen, dass mein Großvater der technische Direktor der ‚Magyar Pamut Ipar‘, einem der zwei größten Textilunternehmen in Ungarn gewesen ist.

Riki im Sommer 1944 vor der Ipoly

Riki im Sommer 1944 vor der Ipoly. (Bild 1 Anm. im Anhang)

Die Werke der ‚Pamut Ipar‘ liegen zu dieser Zeit  in Ujpest nicht weit vom Winterhafen und in Óbuda stromabwärts von  den Schiffswerften zu beiden  Seiten der Donau –  im Norden von Budapest genau  an der Stelle, bis zu der kleinere seetüchtige Schiffe, die die feine  ‚Mako – Baumwolle‘ aus Ägypten bringen, die  Donau hinauf  fahren können. (Anm. im Anhang Ad. I).

                                                            

 II.

Der alte Kutscher redet wenig, aber er ist  freundlich.  So wie ich mich erinnere, sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Donaubrücken zerstört Wir fahren über die Kettenbrücke, durch den gekachelten Tunnel unter dem Burgberg und dann unterhalb  der Vérmezö, der ‚Blutwiese‘, die so heißt, weil hier zu Ende des 18. Jahrhunderts ungarische Revolutionäre  hingerichtet  worden sind, vorbei in Richtung Südbahnhof. Unser Ziel  ist der Vorstadtbahnhof ‚Kelenföld‘  im Südwesten der Stadt.

Wir müssen unsere Fahrt kurz nach der Vérmezö unterbrechen, da Sirenengeheul einen kommenden Luftangriff signalisiert. Da aber dann keine Bomben in unserer Nähe fallen, bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Ursache der Unterbrechung nicht ein Glas Wein ist, zu dem der freundliche ‚bácsi‘ in eine Stehweinhalle einkehrt ist. Allerdings ist an diesem Punkt meine Erinnerung etwas verschwommen, da sie sich mit einem Traum vermischt, den ich erst Jahrzehnte später, nämlich erst im Herbst 2010, hatte. Im Traum jedenfalls mustern mich die Männer in diesem Beisel mehrfach feindselig, während der alte Kutscher ihnen einiges so leise flüsternd erzählt, dass ich es nicht verstehen  kann. (Anm. im Anhang Ad. II).        

                                                         III.

Schon vor diesem Tag habe ich  mehrere nächtliche Bombardierungen erlebt. Am schlimmsten war es in dem neu erbauten Keller eines Schwesternheimes gewesen, das intelligenter Weise gleich neben dem kleinen Bahnhof ‚Kertváros‘, zu deutsch : ‚Gartenstadt‘ an der äußerst wichtigen Zugstrecke nach Pozsony, d.h. Bratislava bzw. Preßburg erbaut worden war. Prompt werden in dieser Nacht Gebäude dieses Vorstadtbahnhofs samt einem Heerestransport  mit  deutschen Soldaten vernichtet. Während des Bombardements schwankt der Keller wie ein Schiff im Sturm. Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass der Boden sich so auf und nieder bewegt wie  die Wellen auf der Donau im Sturm.

Als wir nach der Entwarnung den Keller verlassen dürfen, hängen Leichenteile in Soldatenuniformen in den Ästen der Bäume, die unweit der Bahnstrecke mehr oder weniger verkrüppelt den Angriff überstanden haben. Im grellen  Licht von einigen Scheinwerfern kann  ich nur kurz hinsehen , da meine Mutter mich rasch von diesem Gräuel abwendet. Trotzdem träume ich von diesen und den später gesehenen Folgen kriegerischer ‚Heldentaten‘ noch nach 20 Jahren immer wieder.  Kein Wunder : im Herbst 1944 bin ich  als sechsjähriges Kind bereits zu der festen Überzeugung gekommen, dass die als normal geltenden Erwachsenen – nicht nur die Männer, denn ich höre, was die Frauen reden –  in Wirklichkeit besessene Irre sind. Später werde ich dann manche Bilder von Salvatore Dali als unverzerrte Abbilder dieser Destruktivität des gewöhnlichen Menschen wiedererkennen. (Anm. im Anhang Ad. III).        

 IV.

Riki mit Vater Ferdinand an der Ipoly in der Nähe von Letkés im Sommer 1944

Riki mit Vater Ferdinand an der Ipoly in der Nähe von Letkés im Sommer 1944 (Anm. Bild 2 im Anhang)

Am 10. Oktober 1944 dauert unsere Fahrt von der Kertváros,der ‚Gartenstadt‘ im Nordosten bis nach Kelenföld im Südwesten quer durch Budapest jedenfalls mehrere Stunden, die mir aber keineswegs zu lang vorkommen, da auf dieser rund 20 Kilometer langen Wegstrecke ständig Neues und Ungewöhnliches zu sehen ist, obwohl noch keine offene Panik eingesetzt hat.

Diese Eindrücke spiegeln eine inzwischen völlig untergegangene Welt. Denn der 10.10. ist einer der letzten Tage des ungarischen Königreich‘ s , das im Jahr 1000 gegründet worden war und de facto nur noch bis zum 15. Oktober 1944 bestand. Für diese Gründung hat der aus Aquitanien, dem keltischen Südwesten Frankreichs stammende und  wissenschaftlich hoch gebildete Papst Silvester II  eine päpstliche Krone nicht zufällig gesandt. Mit den neuen Königreichen Ungarn und Polen, die beide fast gleichzeitig vom Papst und nicht vom Ottonen – Kaiser die Krone erhielten, schafft er für Jahrhunderte ein Gleichgewicht in Europa. Nun wieder zurück zum Oktober 1944 : am 15. 10. erklärt Horthy den Austritt Ungarn’s aus dem Krieg und kündigt damit auch  das Bündnis mit Deutschland. Am folgenden 16. 10. wird der damalige   ‚Reichsverweser‘  Miklos Horthy von dem Beauftragten  des ‚Deutschen Reiches‘ gezwungen, seinen Rücktritt  zu erklären und die Macht an den Führer der ‚Pfeilkreuzler‘  Szálasy  zu übergeben. Bereits ein halbes Jahr vorher, am 19. März 1944 war das verbündete Ungarn gegen seinen Willen von deutschen Truppen besetzt worden. Hitler hatte zu diesem Zweck Horthy und weitere ungarische   Entscheidungsträger  nach Schloss Klessheim bei Salzburg eingeladen und hier solange festgesetzt bis die Besetzung abgeschlossen war. Im Oktober 1944 war eine halbe Million modern gerüsteter deutscher Soldaten in Ungarn stationiert und an Gegenwehr ist  nicht zu denken. Der 76 jährige Reichsverweser wurde im Oktober 1944 zusätzlich dadurch erpresst, dass sein jüngerer Sohn von einem SS – Einsatzkommando unter dem Österreicher Skorzeny, der schon Mussolini entführt hatte,  am 15.10.   mitten in Budapest gekidnappt und in das KZ Mauthausen verbracht wurde. Dies nachdem sein älterer Sohn István ( Stefan ) schon vorher im Jahr 1942 – ausgerechnet am 20. August, dem Nationalfeiertag und Namenstag von Szent István, bei einem Inspektionsflug an der  Don – Front in der Ukraine durch Sabotage umgebracht worden war. Mit der erpressten Abdankung Horthy’s  gehört  dieser letzte Rest der ‚k.&k. Monarchie‘  auch der Vergangenheit an. Voll verstehe ich als Kind diese Vorgänge nicht, aber ahnungslos bin ich deshalb bei weitem nicht : so z.B. erregen – als dem Sohn eines passionierten Philatelisten –  nicht nur  die Sondermarken mit Trauerrand, die 1942 anlässlich des Flugzeugabsturzes von István Horthy  herauskommen, meine Neugier, sondern machen mich auch zu einem aufmerksamen Zuhörer der Gespräche, die über diesen Tod  im Freundeskreis meiner Eltern geführt werden. Diese bringen unverhohlen zum Ausdruck, dass hier kein Unfall, sondern ein Mord geschehen ist. Auch werden mir so die Gerüchte darüber bekannt, dass die Mutter von István Horthy, der bereits zum Stellvertretenden  Reichsverweser gewählt worden war, jüdische Vorfahren hätte und dass dieser  von den ‚Deutschen‘  deshalb beseitigt worden sei, damit er nicht zum König gewählt werden könne .  (Anm. im Anhang Ad. IV).

  V.

Meine frühesten Erinnerungen reichen bis zum Alter von zweieinhalb Jahren zurück. Ich kann dies so genau datieren, da ich in diesem Alter in den Kindergarten aufgenommen wurde und ich mich sowohl an die Kindergartentante als auch an eine Reihe von komischen Situationen, die ich dort mit meiner Eigenwilligkeit heraufbeschwor, genau erinnere. Die frühen Erfahrungen dieser drei Jahre vom Sommer 1941 bis zum Herbst 1944 haben mich sehr stark geformt und dazu geführt, dass ich das spätere Leben nicht nur unmittelbar gelebt, sondern zugleich auch gelernt habe, später die Sichtweise  anderer Gesellschaften  und Kulturen zu beobachten und nach zu vollziehen. Meine hier geschilderten, genauen Erinnerungen aus der frühen Kindheit könnten als nachträgliche Konstruktionen  erscheinen. Da ich aber nach dem Oktober 1944 erst im Jahr 1962 , also erst nach fast 18 Jahren wieder nach Budapest gekommen bin und die Orte meiner Kindheit wiedergesehen habe, konnte ich anhand dieser Örtlichkeiten überprüfen, ob meine Erinnerungen stichhaltig sind. Allein auf der Grundlage meines Gedächtnisses konnte ich unser Haus sowie die anderen Stätten meiner Kindheit ohne Schwierigkeiten wiederfinden. Die Entfernungen, die Häuser und die Räume erwiesen sich dabei in Wirklichkeit als viel kleiner als es meiner Erinnerung entsprach, aber die proportionalen Verhältnisse und ihre räumliche Anordnung   stimmten völlig  mit meiner Erinnerung überein. Sogar an einen Aufenthalt in der Mátra erinnere ich mich genau: Mit 4 Jahren war ich an Keuchhusten erkrankt und mein Onkel brachte meine Mutter und mich im Automobil auf den Galyatetö. Auf fast 1000 m Höhe wurde ich von der guten Luft und der Ziegenmilch, die ich dort bekam, rasch  gesund. Als ich im Jahr 1974 wieder dorthin kam, fand ich das kleine Haus, in dem meine Mutter und ich  etwa 2 Wochen dort gewohnt hatten auf Anhieb wieder. Auch  Einzelheiten  des Hotels auf dem  sanften ‚Gipfel‘ dieses Mittelgebirges – etwa die Natursteine aus dem seine Mauern errichtet waren –  waren 1974 noch so wie bei unserem nachmittäglichen Besuch bei Tante Franziska, der Schwester meines Vaters, die dort ihren Urlaub verbrachte. (Anm. im Anhang Ad. V).

VI.

Nagymama  Mária, Mutter Stefánia und Schwester Tini mit Riki auf der Terasse des Hauses  Mikszáth Kálmán utca 51 im Sommer 1941

Nagymama Mária, Mutter Stefánia und Schwester Tini mit Riki auf der Terasse des Hauses Mikszáth Kálmán utca 51 im Sommer 1941 (Anm. Bild 3 im Anhang)

Nun, unsere Fahrt mit dem Pferdefuhrwerk am 10. Oktober dauert mehrere Stunden. Nachdem die Truhen und Koffer  in Kelenföld auf den Bahnsteig hinauf getragen sind, ist es schon später Nachmittag. Es ist noch sommerlich warm und der Himmel fast wolkenlos. Während wir auf meine Eltern und meine Schwester warten, treibe ich mich auf dem Bahnsteig herum. Ich kann mich an keinen einzigen Zug erinnern, der während dieser Zeit – vielleicht 2  Stunden bis zur Ankunft meiner Eltern – durch diese damalige Endstation gefahren wäre. Es ist auch kein einziger Waggon hier abgestellt, unser Zug kommt erst nach Einbruch der Dunkelheit. Ob der alte Kutscher auch wartet,   weiß ich nicht, ich habe jedenfalls das Gefühl, unser Gepäck allein zu bewachen. Dies ist nicht sonderlich schwer, da der Bahnsteig menschenleer ist und sich erst nach Einbruch der Dämmerung mit ebenfalls wartenden Passagieren – oder besser gesagt : Flüchtlingen – füllt. Auch nachdem meine Eltern ankommen, ist das Warten  noch nicht zu Ende. Unmittelbar vor der Abfahrt entsteht  auf dem Bahnsteig noch ein riesiges Durcheinander, da sich viele Menschen voneinander verabschieden und durcheinander reden. Sobald der Zug sich in Bewegung setzt, schlafe ich ein.

 VII.

Meinen Abschied von der Kindheit habe  ich an diesem und den folgenden Tagen  in einer Abfolge von drei für mich sehr dramatischen  Ereignissen  durchlebt: Das Schmerzlichste war die Trennung von der Großmutter. Die Mutter meiner Mutter, Bárány Mária, war eine geborene Frolio bzw. Frollo, deren Vater aus Venetien zugewandert war, das damals noch zu der Habsburger – Monarchie  gehört hat. Da meine Mutter mich bewusst zwar sehr lieb, aber auch sehr hart und Leistung fordernd erzog, war  nagy anya Mária die eigentliche Zuflucht vor aller Unbill. Unter dieser Trennung habe ich am meisten gelitten. Sie ist schon bald gestorben, ich habe sie nicht wieder gesehen. Noch 1946, in der Steiermark hoffe ich, dass sie  nachkommen wird. Es kommt aber nur die Stiefmutter meines Vaters Ágnes Kreutz, das genaue Gegenteil der echten Großmutter.

VIII.

Es ist ein schöner Sonnenuntergang mit vielen leuchtenden Farben. Vom Ende des Bahnsteigs schleicht langsam die Dämmerung aus den Hügeln näher. Ich laufe der Sonne nach  und als es nicht mehr weiter geht, nähert sich die Dunkelheit. Ich blicke ein wenig zur Seite in die Ebene, in der am Horizont noch ein heller Streifen – rot und gelb und wieder rot und auch ein wenig blau – zu sehen ist. Es öffnet sich eine große Weite, die mich hinein in den grenzenlosen  Raum zieht. Zugleich überfällt mich  wie ein Schock die plötzliche Erkenntnis absoluter Schutzlosigkeit und Unbehaustheit: sie ist wie die   Atemnot, die ich schon  von dem früheren Keuchhusten her kenne. Jahre später fand ich  dieses Gefühl in der Schilderung von Antoine de Saint – Exupéry über seine einsamen Nachtflüge  über den Anden wieder.                                   

IX .

...doch der Kopf wächst neppich nicht mit!

...doch der Kopf wächst neppich nicht mit! ( Bild 4 Anm. im Anhang)

5 Jahre und nicht ganz 11 Monate umfasst bis dahin mein ganzes Leben in Buda und in Pest, in Òbuda und in Ujpest  – unvermittelt fiel die Erkenntnis über mich her :  ich, wir, unsere ganze Familie gehen nun nie mehr nach hause, diese Welt und dieses Leben habe ist nun  verloren. Ich ahne : soll  diese Welt, die meine Welt ist und die ich  mit all den Menschen und Formen in ihr liebe, nicht ganz untergehen und soll der, der ich bisher bin,    sich nicht einfach auflösen, dann muss ich mir  alles genau merken, ich muss aufmerken und alles in mir behalten. Denn außen gibt es diese Welt nun nicht mehr, sie verschwindet in der Dunkelheit, nicht einmal Schatten bleiben. Es ist ein plötzliches Begreifen der Vergänglichkeit, der Auflösung aller konkret fassbaren  Dinge in einem Meer von Finsternis. Nur am Horizont ist noch kurze Zeit ein wenig farbiges Licht, das dann von der Dunkelheit – der ‚Abendmutter‘, wie ich wenige Jahre später die Kinder im Rheinland sagen höre – verschluckt wird. Ich schaudere und laufe zu den wartenden Menschen auf dem Perron zurück.

X.

Dies ist meine letzte Erinnerung an das Budapest meiner Kindheit. Etwas anderes ist mir aber noch geblieben, das ich sorgsam aufbewahrt hatte, ohne dies zu wissen : als ich Anfang der  90-er Jahre an verschiedenen Universitäten in Budapest Vorlesungen und Seminare in ungarischer Sprache abhielt, gestanden mir einige Studierende, dass sie mir auch wegen meiner etwas altmodischen Sprache, dem Idiom  des Budapest der Zwischenkriegszeit  so gerne zuhörten. Und das mit sinnvollen Handlungen verknüpfte  Wort ergibt nicht ein  bloßes  Geredes,  es umfasst viel mehr, es birgt in sich  eine  ganze Welt von Erfahrungen. Und diese schöne und reiche Sprache konnte ich nicht einmal an meine Kinder weitergeben. Auch meine 2007 verstorbene Gattin hat sie in fast 50 jähriger Ehe nur unvollkommen erlernt.

Am 10. Oktober 1944 und an den folgenden Tagen unserer Flucht – der Zug brauchte wegen der Kämpfe mit wiederholten Tieffliegerangriffen und vielen, vielen von MG-Salven nieder gemähten Toten für die Strecke von kaum 300 km viele Tage. Das mit dieser Schreckensfahrt beginnende Herumirren dauert Jahre – eigentlich fast ein ganzes Leben. Hier kann und soll nur das Geschehen des ersten Tages geschildert werden. Damals im sonnigen Herbst des Jahres 1944 bin ich fast ein autistisches Kind geworden, das sich in einer Welt von irrsinnigen Gewalttätern  in sich abkapselt. Auch heute noch errichte ich diese Mauer, wenn ich die unverhohlene Mordlust in den Augen eines Gegenübers erkenne und meinen Blick daher hastig abwende. Kliniker nennen dies ‚gaze aversion‘, das Vermeiden des Blickkontakts, es ist aber nur eine lebensnotwendige Schutzreaktion. Millionen von Kindern sind heutzutage gezwungen, dies zu lernen, wenn sie überleben wollen.    

em. Univ. Prof.  Dr.  Henrik Kreutz

auszüge aus diesem text wurden von prof. kreutz gelesen und am 10.8.2011 in der 139. ausgabe von summerau, 96 im freien radio in linz, radio FRO, gesendet. die sendung, mit musik aus ungarn, kann man im archiv nachhören: http://cba.fro.at/48751

contact: henrik.kreutz@univie.ac.atlizenzmodule

 
Vita: 1938 geb. in Budapest, 1944 Flucht 1944 in die Steiermark. Ab 1946 in Deutschland. Studium in Köln und Wien, Abschluss 1965 Dr.phil. Mit einer Dissertation zur Soziologie der Jugend. Habilitation 1972 mit einer Arbeit über die Methoden der Empirischen Sozialforschung an der Universität Wien , seitdem dort Universitätsdozent. Gründung des Instituts für Angewandte Soziologie (mit über 70 Forschungsprojekten v.a. im Bildungsbereich und im Bereich Stadt- und Regionalentwicklung).
1972 -73 Vertretung eines Lehrstuhls an der Universität Hamburg,                                 1974 – 1980 Professor für Empirische Sozialforschung an der Technischen Universität Hannover und Leiter der Forschungsabteilung des Deuschen Instituts für Wissenschaftliche Pädagogik in Münster.  1980-2007/08 (Emeritierung) Erlangen – Nürnberg, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Lehrstuhl für Soziologie und Sozialanthropologie, den ich bis zu meiner Emeritierung im WS 2007/2008. Lehrt noch heute am Institut für Soziologie an der Universität Wien und betreut Dissertationen und Habilitationen. 

Der Stadtplan zu diesem Bericht mit Anmerkungen:

Stadtplan Budapest mit eingezeichnetem Verlauf der Geschichte.

Stadtplan Budapest mit eingezeichnetem Verlauf der Geschichte. (Details siehe Anmerkung)

 Auf dem Stadtplan ist die Kertváros mit der Mikszáth Kálmán utca 54, der Ausganspunkt unserer Fahrt im Nordosten der Stadt  mit einem blauen Kreis gekennzeichnet. Das Ziel, der Bahnhof  Kelenföld im Südwesten durch eine blaue Ellipse. In der Mitte des Planes befindet sich die Kettenbrücke und der Burgberg, unter dem der Tunnel nach Westen hindurchführt.

Der Ujpester Winterhafen im Norden an der Donau ist gut zu erkennen. In das moderne Straßennetz, so wie es bei Kriegsende schon bestanden hat, sind mit schwacher roter Farbe auch Lokalitäten aus der Arpadenzeit  ( bis Mitte des 13. Jhdt’s ) eingetragen. Nicht weit von dem Ort, an  dem sich die moderne Kertváros befindet, wurden die Reste eines Palastes aus der Arpadenzeit gefunden. Der Name des benachbarten Ortes Rákospalota ( Palast am Krebsbach ) deutet noch heute auf ihn hin. In der Inustrialisierung des 19. Jahrhunderts war Ujpest eine rasch wachsende Industriestadt, in die Menschen aus ganz Mitteleuropa von Galizien bis zum Rheinland und von Norditalien bis zur Ostsee eingeströmt sind.

Dieser Plan ist dem Buch von Tamás Biczó ( 1979, Budapest egykor és ma. Budapest,Panorama,S 11) entnommen. Dieses Buch habe ich 1982 von meinem leider früh verstorbenen Schulfreund Norbert Rüther geschenkt bekommen.

Weitere Anmerkungen zu den Bildern und Kapiteln:

*Auf  den Wunsch unserer Tochter  Etelka  hin,  für die Feier ihres Geburtstags am 3. 12. 2010  eine Geschichte zum Vorlesen zu verfassen habe ich  meine  Erinnerung an den 10.10. 1944 , den letzten Tag meiner Kindheit in Budapest, zu einem Text verarbeitet und  in Salzburg im Rahmen ihrer nach geholten Feier  am 29. 6. 2011 stark gekürzt vorgelesen. 

Kritische Reflexionen und Erläuterungen zu Inhalt und Form meiner Erinnerungen

Vorbemerkung :

Alle nachfolgend wiedergegebenen Reflexionen und kritischen Überprüfungen  der Erinnerung sind bewusst erst erfolgt, nachdem ich meine Erinnerung niedergeschrieben habe. In diesem Sinn ist diese Erzählung daher naiv. Sie bemüht sich, nicht darüber hinauszugehen und nicht literarisch zu werden.

                                                            ad inscriptionem :

Der erste Teil des Titels ist ein Zitat des Hauptwerks von  Marcel Proust : > A la recherche du temps perdu < . Im ersten Teil dieses siebenteiligen Werkes, der seine Kindheit beschreibt, geht Proust darauf ein, dass es zwei Arten oder Stufen der Erinnerung gibt :

„ Ein wirklicher Mensch, mögen wir noch so sehr mit ihm sympathisieren, wird von uns zu großem Teil durch die Sinne aufgenommen, das heißt, große Partien an ihm bleiben undurchsichtig für uns und bilden eine Artr toter Last, mit der unser Empfindungsleben nichts anzufangen weiß…. ja mehr noch : auch nur in einem kleinen Teil der Gesamtvorstellung, die er von sich selbst hat, wird er selbst es sein können. Die Erfindung des Romanschriftstellers war nun, diese für die Seele undurchdringlichen Partien durch eine gleiche Menge immaterieller Teile zu ersetzen, das heißt solcher, die unsere Seele sich anverwandeln kann….“

( Zitiert nach : werkausgabe edition suhrkamp, Bd.1,1964, S 117 ) .

Die erste Stufe der Erinnerung beinhaltet das, was wir in unserem Gedächtnis vorfinden, die zweite  umfasst die Rekonstruktionen, die wir in bestmöglicher Anpassung an die Qualität des vorhandenen Gedächtnismaterials imaginären können. Der autobiographische Roman von Proust ist aus beiden Teilen zusammengesetzt.

Ich hingegen  habe mich bemüht, dem in meiner Erinnerung vor findbaren nichts hinzu zu fügen. Der zweite Teil des von mir gewählten Titels : > … öffnet sich die virtuelle Welt < soll aber deutlich machen, dass in dieser Erinnerung an einer Stelle ein Traum das bewusste Gedächtnis bereits vorher vervollständigt hat. Dieser Traum war durch und durch realistisch und ergänzte bruchlos die bewusste Erinnerung. Wenn ich nun ex post das gesamte Datum reflektiere, so ergibt sich eine weitere, ganz neue Einsicht: die Gespräche in dem Beisel dürften unter den Arbeitern bewusst so leise geführt worden sein,damit ich nichts davon mitbekomme. Wahrscheinlich haben sie sich auf das nahe Ende des Horthy – Regime‘ s bezogen und ich als Angehöriger einer Familie aus der Mittelklasse sollte davon nichts hören. Ob hier Pfeilkreuzler oder Sozialisten sich austauschten ist nicht zu entscheiden.

Sigmund Freud hat sich neben vielen anderen mit der Funktion von Träumen beschäftigt und weitgehende Deutungen vorgenommen. Dies wird hier nicht angestrebt. Lediglich die Sequenz bestehend aus > Erinnerung – Ergänzung durch den Traum – kritische Prüfung von beidem < wird hier als Methode angewendet. Das Ergebnis ist eine virtuelle Welt, die von den unmittelbaren Fakten der Erinnerung klar zu unterscheiden ist, ab als solche durchaus ihren Stellenwert hat.

Der Traum ist aber nur ein Extremfall der Heterogenität der Erinnerung.Viel banaler ist der allgemein zu beobachtende Sachverhalt. Dass unsere primäre Erinnerung an die Ereignisse und Gefühle überlagert wird durch spätere, aber ebenfalls schon vergangene  Eindrücke und Informationen, die abgeleitete Erinnerungen, also ‚Erinnerungen an Erinnerungen‘ darstellen. Es ist wie in der mathematischen Grenzwertbestimmung:  Ausgangsgleichung wird differenziert und so kommt man zu der ersten Ableitung, differenziert man diese, dann ergibt sich die zweite und so sofort bis zur n-ten. In der Mathematik stellt die Integration die Umkehrung der Differenzierung dar. Aber selbst in der Mathematik ergibt die Integration immer nur mehre mögliche Lösungen und die Ausgangsgleichung ist nur eine von mehreren korrekten Ergebnissen. So ist es auch mit der Erinnerung.

In dem vorliegenden Bericht habe ich zwar immer versucht, die erste Erinnerung wieder zu finden, ich konnte dieses analytische Anliegen der Wahrheitsfindung hier aber  nicht systematisch explizieren, da dies die Schilderung selbst zerlegt hätte. Als prinzipielle Erkenntnis liefert sie die künftige Grundlage für eine ungemein wichtige neue Methode. Sie stellt gleichsam ein wertvolles Gegengeschenk zu dem Geburtstagsgeschenk für meine Tochter dar. Diese Methode wird es erlauben, aus kleinsten Erinnerungssplittern unterschiedliche mögliche Varianten des ursprünglichen Geschehens nicht nur stringent abzuleiten, sondern auch diese exakt zu verorten. Das was der französische nouveau roman vor Jahrzehnten intuitiv und unsystematisch versucht hat, kann so zu einer reliablen Methode weiterentwickelt werden.                                                      

                                                           ad picturam primam

 Das Gemälde auf der Frontseite ist das Mittelstück „ Du vertreibst die Finsternis, sobald du deine Aussendest “  des Triptychon  „ Der Sonnengesang des Echnaton “  von Heinz Kreutz.  Echnaton  ist der Name des Pharao, der um 1350 a.D. erstmals in der Geschichte versucht, den  Monotheismus als Staatreligion zu verankern und damit in Ägypten gescheitert ist. Allerdings hat sich seine Religionsstiftung im Sudan  halten können und es spricht einiges dafür, dass auch die mosaische Religion der Hebräer hier ihre Wurzeln hat. Im koptischen Christentum und in Äthiopien wird diese monotheistische Tradition bis heute (fast) ununterbrochen, wenn auch mehrfach gewandelt  weitergeführt. Das Bild zeigt den Durchbruch des Lichtes beim Sonnenaufgang. Die Farben des Lichtes auf diesem Bild entsprechen aber genau  dem erinnerten Sonnenuntergang am 10.10.1944, so wie ich ihn am Bahnhof Kelenföld gesehen habe und wie er mein Selbstgefühl und meine Selbstbestimmung  durch plötzliche Einsicht, also durch Intuition, geprägt hat. Bei der Farbkomposition wurde Heinz Kreutz  gemäß seinen eigenen Angaben von der Farbenlehre von Johann Wolfgang von Goethe maßgeblich Gebrauch gemacht. Diesem Experiment soll an anderer Stelle weiter nachgegangen werden. Folgende biografische Notiz sei aber kurz angemerkt:

Durch Zufall wohnte ich einige Wochen als Volontär im Frühjahr 1959 in Frankfurt/M. in einer Straße namens Unterlindau und mein Namensvetter zur gleichen Zeit in der Oberlindau , die Hausnummern waren meiner Erinnerung nach 45 bzw, 54. Kein Wunder, dass die Post sich irrte und einen Brief meiner Mutter in ungarischer Sprache nicht mir, sondern ihm zustellte. Er diesen aber  mir freundlicherweise weiterleitete. 

Literatur zum Bild vgl. : Bernhard Albers,2011, Echnaton als Künstler  oder  Das Triptychon von Heinz Kreutz , Aachen, Rimbaud Verlag.

                                                                 Nun zu meinem Text :

Ad I :  * Die Kettenbrücke wurde tatsächlich erst am 18. Januar 1945 von den deutschen Truppen gesprengt. Vgl. : E. Tóth – Epstein, 1974, Historische Enzyklopädie von Budapest. Budapest, Corvinus, S 174. * Die Überprüfung anhand eines Stadtplanes ergibt die Schätzung der Entfernung von der Kertváros bis zum Bahnhof Kelenföld von etwa 20 km. Meine Erinnerung an eine Fahrzeit von    einem halben Tag – vom späten Vormittag bis zum frühen Nachmittag –  ergibt daher eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 5 kmh für das Pferdefuhrwerk. Meine Erinnerung entspricht hier daher den tatsächlichen Verhältnissen ziemlich genau. 

Ad Bild 1:   Riki im Sommer 1944 vor der Ipoly. Wegen der Luftangriffe auf Budapest und insbesondere auf die Industriegebiete in Ujpest verbrachten meine Mutter und wir zwei Kinder den Sommer auf dem Land in einem kleinen Dorf nordwestlich von Budapest. Das Dorf Letkés liegt an der Ipoly, einem Nebenfluss der Donau. Unmittelbar nördlich von Letkés beginnt der Börsöny, ein Mittelgebirge, das mit Laubwald bedeckt ist und auch als Jagdgebiet benutzt wird. Daher gab es in Letkés zwei Häuser, die ganz oder teilweise an Gäste aus Budapest vermietet wurden. Mein Vater kannte das Gebiet von seiner Zeit als Pfadfinder. Die Bewohner des Dorfes waren ‚Palozzen‘, längst magyarisierte Zuwanderer aus dem Osten, deren Frauen aber noch ihre eigene  prächtige Tracht aus Seidenstoffen an Feiertagen trugen. Durch den Vertrag von Trianon wurde der nördliche Teil der Kleinen Ungarischen Tiefebene von Ungarn abgetrennt und der Slowakei zugeschlagen, der Ipoly bildete die Grenze. Zwischen 1939 und 1945 wurden große Teile wieder an Ungarn angegliedert. Die Ipoly war daher während meiner Kindheit kein Grenzfluss und in dem  ehemaligen Zollhaus an  der Brücke waren polnische Offiziere untergebracht. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen gelang 110 000 polnischen Staatsbürgern, darunter vielen Soldaten, die Flucht nach Ungarn. So kam es, dass ich mich in Letkés mit einem polnischen Offizier befreundete, der durch unsere Gespräche sich in die ungarische Sprache einübte. Auf diesen Offizier bin ich 1973 in Polen  wieder gestoßen; es war der Dr. Rybicki, Professor der Soziologie der Jagellonischen Universität in Krakau. Nach dem Schock der ersten durchlebten Bombenangriffe in Budapest war dieser Landaufenthalt für mich ein wahres Paradies. Mein Gesichtsausdruck auf dem Foto verdeutlicht aber die Anspannung, existentielle Verunsicherung und Abwehr gegenüber der ‚verrückten‘ Welt der Erwachsenen. Möglicherweise war dies auch der Grund für das gegenseitige Verständnis mit dem polnischen Offizier, der noch schlimmere Erfahrungen als ich gerade hinter sich hatte.     

Ad II : Die Parkanlage, an der wir vorbeigefahren sind, ist wahrscheinlich erst nach dem Abriss des  ‚Tabán‘ entstanden und die ‚Vérmezö‘ liegt einen Häuserblock weiter nördlich. ‚Tabán‘ ist ein türkischer Name, in diesem vernachlässigten Viertel fanden sich  Heurige und zweifelhafte ‚Beisel‘. Auf der ‚Vérmezö‘ wurden in der Zeit der Restauration nach der französischen Revolution  sechs ungarische Jakobiner  hingerichtet , denen man staatsfeindliche Aktivitäten vorwarf. Wahrscheinlich war mir als Kind das mit dem Namen ‚Vermezö‘ verknüpfte dramatische Geschehen besonders einprägsam gewesen und daher meine Erinnerung an diese.

 Ad III : Meine häufigen Träume von Fliegerangriffen hörten erst im Alter von etwa 30 Jahren  auf. Diese waren die einzige reale Bedrohung gewesen, die ich damals durchlebte. Auch ein Unfall mit großer Schnittwunde im Gesicht, die im Spital genäht werden musste, verursachte keinen vergleichbaren Schock. Von einer Judenverfolgung habe ich in Budapest als Kind nichts bemerkt, obwohl wir viele  ‚jüdische‘ Verwandte und Freunde hatten. Dies war nur nahe liegend, da nicht wenige Angehörige meiner Familie in der Textilbranche ihrem Beruf nachging, die in Budapest traditionell stark jüdisch bestimmt war. Schimpfen auf  ‚die Juden‘ kam zwar immer wieder auf, aber meine Mutter ließ dies nicht zu und intervenierte sofort energisch : „ itt nem kell sidozni! “ , war ungefähr bedeutet : „ hier besteht keinerlei Bedarf an Judenbeschimpfungen!“ . Mir ist auch kein einziger gelber Judenstern aufgefallen. Auch nicht als meine Mutter und ich meinen Taufpaten in seinem Büro in Óbuda   im Winter 1944 aufsuchten. Dieser – Herr Direktor  Quittner  – war aber mit Sicherheit ein getaufter Jude. Dieses Umstandes bin ich mir ganz sicher. Ein gelber Stern wäre mir als etwas Außergewöhnliches mit Sicherheit aufgefallen und ich hätte den Träger als Kind ohne Zögern danach befragen können.  Allerdings geschah bei diesem Besuch doch  etwas Ungewöhnliches: Da es sehr kalt war, trug ich eine gefütterte Fliegermütze mit einem Stirnband, auf dem neben der rot-weiß-grünen Fahne Ungarn‘ s auch der patriotische Spruch :  ‚ talpra Magyar, hív a haza! ‚ ( Steh auf Ungar, es ruft die Heimat ! ). Als der Herr Direktor dies bemerkte, kam er ganz außer sich : „ Du, du – ein deutsches Kind – du trägst diese Mütze! – und ich habe Dir noch gar nichts geschenkt ! “ Er suchte mit seinen  Augen hastig sein großes Dienstzimmer ab und als er nichts anderes fand, schenkte er mir das repräsentative Schreibensemble aus vergoldeten Metall und  Marmor von  seinem Schreibtisch ! Ich war zwar sehr erstaunt, nahm aber gerne an. Diese Episode verdeutlicht die Ängste und Spannungen kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Ungarn. Es zeigt aber auch den Willen meiner Mutter, die Normalität der Zivilgesellschaft aufrecht zu erhalten. Ob meine Mutter mir erlaubte, das teure Geschenk wirklich zu behalten, weiß ich nicht mit Sicherheit. Ich glaube, es war schließlich nur der Brieföffner, den  ich behalten durfte. Aber gerade der wurde wegen seiner Gefährlichkeit von meiner Mutter in treuhänderische  Verwahrung genommen.

Ad IV.: Am meisten hat mich als Kind auf der Burg Buda die Wachablösung der königlichen  Husaren fasziniert, die – auf ihren Pferden sitzend  – Wache vor dem Burgtor hielten. Dies geschah genau um 12 Uhr mittags. Dieses Torgebäude wurde in den Kämpfen 1945 und 1956 zerstört. Die Ruine ist bist heute nur notdürftig zusammengeflickt. Wahrscheinlich wurde es wegen seiner symbolischen Bedeutung  nicht wieder hergestellt, obwohl die Burg selbst, die wie in Wien eigentlich ein Schloss  ist, inzwischen zur Gänze restauriert ist.       

Ad Bild 2:  Im Hintergrund sieht man die sanften Hügel des Börsöny. Während meine Mutter und wir Kinder mehrere Wochen hier auf dem Land waren, kam mein Vater mit dem Zug über Vác nach Szób an der Donau, von wo er mit dem Fahrrad die restliche Strecke zurücklegte. Einige Zeit war auch Márta, die Tochter unseres Nachbarn in der Mikszáth utca  bei uns. Ihr Vater war an der Botschaft in Wien, er war uns hier nach unserer Flucht behilflich. –  Meine Schwester Tini und Márta hatten von der Dorfjugend ein derbes Bauernlied gelernt und sangen es unaufhörlich. Sie konnten einfach nicht aufhören. Mein Vater bat sie wiederholt darum, schließlich verbot er ihnen diesen Gesang, wogegen meine Mutter protestierte. Es kam zum Streit, worauf mein Vater mich auf die Stange des Fahrrads setzte und mit mir nach Budapest zurückfuhr. Dies nachdem meine Mutter vergeblich versucht hatte, mich im Weinkeller zu verstecken. Das Lied geht so :

kutyának nem vál szalona        ha nem akar kapálni.        Hej, te kis angyalom

nem leszek az aszony bolondja      ne agy néki szabálni !

Ad V.: * Tante Franziska, die Schwester meines Vaters, war Erzieherin bei der Fabrikantenfamilie Heinrich, die bei Kriegsende nach Kanada ausgewandert ist und mit der sie noch jahrzehntelang korrespondierte. Ich erinnere mich auch noch an einen Besuch in der Villa im Bauhausstil auf einem der Hügel in Buda in der  sommerlichen Hitze.Dieser Stil hat meine Geschmacksbildung ungmein beeinflusst. Nicht nur durch Moholy – Nagy war die Verbindung zu dem Bauhaus in Dessau von Budapest aus ungemein lebendig. Während meiner ganzen Kindheit – und auch noch später – bereitete es mir jedes mal von Neuem eine große Freude, wenn ich ein Gebäude in diesem Stil erblickte.

Auch diese Villa, in der Tante Franzi bis 1945 gelebt hatte, fand ich in den 70-er Jahren bei einem Spaziergang mit Christine und einem unserer Kinder auf  Anhieb wieder. Auf der anderern Seite dieses Hügels sind wir dann in die ‚csalány – utca‘, die ‚Brennessel Gasse‘ geraten, wo wir auf  das ehemalige Wohnhaus von Béla Bartok gestoßen sind. Dabei hatten wir das Glück, gerade zu einem Nachmittagskonzert zurecht zu kommen, das mit offenen Fenstern zum Garten stattfand, sodass sich das Gezwitscher von Vögeln  mit Bartok‘ s Musik verband.

** Im Jahr 2007 ist das Buch von András Nyerges  >NichtvordemKind !< im Knaus Verlag in München erschienen, in dem der 1940 in Budapest geborene Sohn einer jüdischen Mutter seine Kindheitserlebnisse schildert. Auch er hatte Atembeschwerden und seine Mutter fuhr daher mit ihm in ein Hotel auf 1000m Höhe in Mátraháza. Er beklagt,dass sie in dem eleganten Hotel nur ein kleines Zimmer ohne Bad im 5. Stock erhielten,da sie nur wenig Geld hatten. In dieser Weise schildert er die Armut während der Horthy – Ära.

Wegen der Sparsamkeit meiner Mutter wohnten wir dagegen auf der Galyatetö in einem Zimmer bei einem Kleinhäusler ohne fließendes Wasser und mit einem Abort auf dem Hof, gleich neben dem Misthaufen. Dies war zwar etwas ungewöhnlich, vertrug sich aber mit der Lebensweise der Mittelklasse und war keineswegs ein Stigma, das von Armut zeugte. Nyerges schreibt sein Buch als parteiische Anklage und ohne Bemühung um seine eigenen tatsächlichen Erinnerungen. Er gibt  lange Dialoge  in direkter Rede und  mit großer Ausführlichkeit wieder, die er als 4jähriger mit Erwachsenen geführt haben will. Dabei redet dieses Kind in diesem Buch so wie ein Erwachsener. Mit einem Wort : diese Gespräche sind ex post konstruiert.

Ad Bild 3: Das Foto ist im Sommer 1941 auf der Veranda des Hauses in der Mikszáth Strasse aufgenommen. Mit zweieinhalb Jahren kam ich schon in den Kindergarten.Im Sommer, wenn kein Kindergarten war, spielte ich meist unter Aufsicht der Großmutter im Garten. Tini ging in die deutsche Schule und außer den Ferien sah ich sie an Wochentagen nur kurz bevor ich zu Bett musste.. Noch in den ersten beiden Klassen des Gymnasiums gehörte ich zu den 3 kleinsten von 55 Schülern. Das Foto macht auch deutlich, ein wie großer Kopf auf diesem kleinen Körper saß. In Ungarn herrschte noch Frieden das ungetrübte Glück währte für mich noch bis Ende 1943. Allerdings: nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 kam mein Vater mittags erregt nach hause  und sagte zu meiner Mutter:“…most elvesztettük a haborut (jetzt  haben wir den Krieg verloren).“ Dies war so eindringlich, dass  sich mir diese Worte dauerhaft einprägten.

Ad Bild 4:  In seinen  ‚Nichtarischen Arien‘ schildert der mit Wien verbundene, jüdische Kabarettist Fritz  Kreisler sarkastisch die geistige Entropie eines durchschnittlichen Lebens, die er dadurch versinnbildlicht, dass der Anteil des Kopfes – gemeint ist: des Gehirns – an der Gesamtmasse des Körpers im Laufe des Wachstums vom Kleinkind zum Erwachsenen drastisch schrumpft. In der estnischen Universitätsstadt Tartu ist dies ausgezeichnet verdeutlicht: auf der  Promenade in der Innenstadt befindet sich eine Bronzestatue, die ein Kleinkind mit einem Erwachsenen Hand in Hand beim Spaziergang abbildet. Die Darstellung ist naturalistisch genau, allerdings werden beide gleich groß dargestellt, so dass die Unterschiede in den  Proportionen der verschiedenen Körperteile unmittelbar anschaulich werden. So wird deutlich, dass die relative Masse des Kopfes auf weniger als die Hälfte des Ausgangswertes sinkt. Soviel zu der dummen Überheblichkeit der Erwachsenen gegenüber Kindern. Eben wegen dieser Voreingenommenheit unterliegen fast alle Erwachsenen einer Amnesie: sie verdrängen die Lebenswirklichkeit ihrer Kindheit und vergessen diese daher – oft vollständig, da nicht sein kann, was nicht sein darf. In meinem Leben war das Handeln der Erwachsenen in der Endphase des Krieges im Jahr 1944 so absurd, dass ich in meiner Distanzierung von diesem Tollhaus schon damals zu einer eigenständigen und bewussten Identität finden konnte. Man sage nicht, dass ein Kind  dazu kognitiv nicht fähig sein könne, man betrachte dazu nur die obige Fotografie !

 

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