indien. anarchisches hörwerk. ein streifzug…..

by wally rettenbacher.2006.

samsara und karmapartikel 

ein umkreisen des möglichen, das im  unmöglichen seinen ursprung zu haben scheint.  was erwartet mich in diesem land? ich bin nervös. eine unruhe in mir schon seit tagen. viele fragen, die mich quälen, zuviele.  wie wird sie sein, die ankunft. bleibe ich diesmal wieder in dieser zeitschleife hängen? welches gefühl wird gast in mir sein? wie werde ich dieses indien wahrnehmen? dieses land  der vielen welten, diesen kontinent. ort der armut.  moloch  des reichtums, des films, der verderbtheit, der erleuchtung. 

filmriss. the end eines films, der vor 12 jahren entstand. ich will neu entdecken, mit neuen augen sehen. ausschnitte aus der wirklichkeit im hier und jetzt. die gegenwart ist es also, die mich beschäftigt. und in ihr die zeit, die vergeht und zugleich unendlich da ist. das tempo. schnell will ich neu lernen, langsam auch. wie ist schnell und langsam in indien? will als statistin einfach da sein, anfangs. am trottoir in einer stadt, am meer, in tempelanlagen, auf bahnhöfen. dem anarchischen hallwerk lauschen. vielleicht gelingt es mir dann einzutauchen. in das leben, den puls, den herzschlag zu entrücken.

 ankunft. mumbai

mumbau_laster

verkehr in mumbai. foto: wallyre 2006

bin da.  in diesem mumbai. kam an, irgendwie. nachts. schnell gefundene eigenzeit. die ersten tage sind sehen, hören, riechen, zeit einschleifen. mumbai ist eine stadt der welten, aber keine weltstadt. mumbai hat diese art von anarchie, die mich neugierig macht. regelwerk eines volkes. geheimnisvoll und schwer durchschaubar. menschen. freundlich. aufdringlich. geschäftig. ehrlich. korrupt. abweisend. gebäude. holzbauten. betonbauten, beliebig oder billig hineingepfercht in die kollonialen überreste der teile und herrsche macht.

verkehr in mumbai II. foto: wallyre2006

verkehr in mumbai II. foto: wallyre 2006

dieses mumbai ist verkehr. eine abgaswolke. gehupe. autos. tausende dieser schwarzgelben aufgeblasenen taxis, die an donald duck erinnern. klingeln. fahrraeder, rikschas,  fussgaenger. alles ist in bewegung. das überqueren der strasse – ein abenteuer. ob es gelingt? immer! ein regelwerk der ungeschriebenen gesetze herrscht hier. ordentliches chaos. oberstes prinzip. das universelle gesetz, als erste, ewige und absolute grundregel. die stadt ist schnell, nicht hektisch. das tempo, eine zwischenzeit. anpassung an westliche werte. der keil  in der grossen tradition. das aufsaugen westlicher muster. und ihre ablehnung. erleichterung und sorge. da ist noch diese armut. sichtbar. immer. am trottoir stolperst du über sie. der einbeinige liegt auf seiner prothese und schlaeft, es ist mitten am tag. die familie, vielleicht aus dem norden, wohnt, schläft dort, nachts. am tag wird gebettelt.  das alles ist das indische eine, das unteilbare, das ewige, das in allem anwesend ist und in dem alle anwesend sind. das oberste prinzip, das ungeschriebene gesetz  heisst karma.

 bahnhof. ernakulum

keine zeit gibt es hier. ein volk lebt in der gegenwart. da ist kein plan für

train artist

musiker mit seiner kleinen schwester im zug. foto: mh 2006

zukunft. es ist eine einzige, geballte gegenwart. was es gibt, neben diesem, meinem gedankenkonstrukt ist die zeittafel für an- und abfahrende züge. meist nicht planmässig. nie zu früh, aber immer zu spät. erträglich zu spät. der bahnhof ist die mutter des wartens. des geduldig seins, geduldig werdens. reisende warten. zeitvertreiber warten. essensverkäufer und getränkeverkäufer wollen im nächsten, einfahrenden zug geschäfte machen.

kleine künstlerin bittet um geld. foto mh 2006

kleine künstlerin bittet um geld. foto mh 2006

singende,  musizierende menschen wollen sich hier ein paar rupies verdienen.  bahnhöfe und züge sind auch orte der bettelei. sitze endlich im zug. wie immer gespräche mit neugierigen indern.  ein sich in den halbschlaf wiegen, manchmal auch in träumereien. aber auch essen. die unzähligen händler gehen durch die waggons. bieten ihre waren an. chapatti, biriany, samosi, chai, coffi, zeitungen, romane, kinderspielzeug, einfach alles.

 indien ist überall

indien ist ein lächeln. ein lachen. laut. leise. spöttisch. aufdringlich oder höflich. Indien ist zurückhaltung und neugier. es ist der duft der gewürze, öle, parfums, räucherstäbchen, der blumengebinde aus jasminblüten. es ist das, was menschen hinterlassen. indien ist geheimnisvoll und spirituell. lächerlich dumm und sehr  gescheit. selten weiss man, woran man ist. indien ist ein schock. ein ort der gesundung. eine art sanatorium für westliche touristen. alptraum und heilanstalt. es ist für hungrige und satte. ein land für suchende. ein ort strenger undurchschaubarkeit und undurchschaubarer strengheit. kastenwesen hier, das streben nach westlichen werten dort. vorbilder aus den medien. westliche gesichter in der werbung. indien bietet vielen platz aber indien bittet nicht. es ist ein ort der freiheiten: der kleinen freiheiten, der verlogenen freiheiten. der korruption. so ist es in indien mit den indern: es ist ein ständiger grenzgang zwischen wahrheit und lüge und wieder zurück.

der grosse fluss, das universum des daseins liegt irgendwo zwischen curry und monsoon, zwischen heiligen kühen und  göttern oder latrinenträgerinnen.  wo ist der unterschied? keine erleuchtung in sicht.

das ende der reise beginnt mit einer versöhnung. eine versöhnung mit der vielfalt und der andersartigkeit. denn indien ist hier irgendwo, weit weg und deshalb überall da.

 © & ℗ wallyre 2006. om shanti. überarbeitet 2011
 
dieser textauszug ist teil eines hörbilds, dass am 12. april 2006 auf der sendeschiene „summerau,96“, radio FRO in linz,  ausgestrahlt wurde.
mehr textauszüge findest du auf wallyre.net.  fotos und (2011 überarbeitete) auszüge aus dem hörbild findest du hier
dieses hörbild gibts auch zum kaufen oder tauschen als sehr schöne CD: zum verschenken für indien freaks oder zum selber reisen im kopf…..:-)

indien. anarchisches hörwerk. ein streifzug. cd cover von GÜE. fotos wallyre

 
listen im cba.fro archiv: hörbild indien.
  
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