die gestade des bosporus….

von wally rettenbacher

längst angekommen in istanbul. keine zeitschleife. direkt im alten stadtteil der riesigen, geschichtsschwangeren moscheen. dort, in einer kleine pension gelandet.

 den rundum blick oben, auf der dachterasse getan. blicke ein auf und ab unzähliger bebauter, beturmter  hügel oder busen. es ist istanbul, diese hinterste brücke europas. dieses zünglein, diese vorhalle des orients.

 abends. wenn die muezzine der stadt durch die lautsprecher zum beten und schlafen gehen erinnern.

morgens. wenn die muezzine der stadt durch die lautsprecher zum aufstehen und beten erinnern.

istanbul

istanbul. morgens. mittags. abends. foto wallyre 2007

morgens. mittags. abends. und dazwischen. fast verhüllt diese laute tradition jenes andere istanbul, von dem ich gehört habe und das ich suche. die rufe stülpen sich über die stadt wie eine saugglocke. erinnern mich an das läuten von kirchturmglocken in unserer kultur.  fast meint man, sich im ausschliesslichen islam zu befinden.  nah klingen sie, dann wieder ganz fern. aufrufe zum gebet im auf und ab der  busen dieser stadt. aus anderen stadtteilen, dort, unten in den hüttensiedlungen, bei den ganz armen. im stadtviertel der streng gläubigen. oder bei den ciganos oder oben, bei den tanzenden derwischen.  der eine oder andere ruft von der asiatischen seite zum gebet.

durch ein gestade. mit der tramway.

tram

tram istanbul. foto wallyre 2007

vom taxim platz aus, diesen geschichtsträchtigen ort der blutigen und unblutigen demonstrationen, im nostalgischen tempo durch die strasse der freiheit rattern. in einer alten tramway. ihr glockengeläut mahnt  fussgänger  zur freigabe der schienen, gibt signal für die nächste haltestation. nostalgie und öffentliches verkehrsmittel.
die zeit im raffer. momente im scheinbaren stillstand. fühlt es sich so an, wenn vergangenheit, gegenwart, zukunft sich ineinander fügen, oder gar aufheben?

in diesem vakuum in gedanken versinken, die dann nur noch bilder sind, keine worte mehr.

istanbul. kein plan. nur wunsch. einen blick von europa nach asien. beseelt vom brickelnden gefühl eine fernreise im kopf zu tun. das wärs dann.

 türkei. istanbul jetzt.

galata view

galata view. foto wallyre 2007

 die alten, geschichtsträchtigen künstlerviertel streifen. so stelle ich es mir vor: gesichter, die ich hier sehe. den hauch der kreativität dieser stadt einatmen, den duft der gewürze in den bazaaren auch: zimt und koriander. das berühmte hotel pera palace suchen. mutig bakshisch bieten um den blick in eines der zimmer zu erkaufen: suite 101, die von kemal attatürk. oder die nummer 411, jene, in der agatha christies mord im orientexpresse entstand. die gerüche vergleichen.

 wie fühlt sich die sprache, die ich nicht verstehen kann, an,  die gespräche der menschen?

schlägt das herz dieser stadt in zwei kammern? wie schnell gehen die menschen? sind sie ernst, freundlich?

 unterm gestade. musik.

 der strassenmusiker. unten an der galata brücke. unter dem dunklen durchgang für fussgänger. dort sitzt er. etwa in der mitte des feuchten, kühlen halbdunkels. spielt auf seinem instrument. ich kenne es nicht. eine art flöte. er scheint fernab zu sein, von diesem auf und ab des weltgeschehens. ganz unten. aber vielleicht ist gerade hier unten ganz oben. ich weiss es nicht. ahne nichts. halte es für möglich. sein tun hier ist es, für den tag zu sorgen. er spielt und spielt.

die leute werfen münzen in seinen hut. er spielt, er sieht die menschen nicht an, spielt. vielleicht braucht er das geld für eine mahlzeit. vielleicht kommt er aus anatolien oder aus einem anderen land. auf der suche nach arbeit. vielleicht hat er familie, die auf geld von ihm wartet. vielleicht ist seine geschichte eine ganz andere. vielleicht habe ich gar nicht das recht dazu, über seine geschiche nachzudenken.  ich räume wieder leere in mein gehirn und lausche seinem spiel. seiner verwandlung des dunkels in die rückseite der nacht.

 überm gestade. der maler.

 finden. oder gefunden werden. oft scheint es keinen unterschied zu geben.

der maler arpacik.

der maler arpacik. foto: wallyre 2007

auf der suche nach dem pera palas hotel, das berühmte in dem die berühmten wohnten: agatha christie, mata hari, attatürks zimmer nummer 101 ist ein museum.  vom weg abkommen.  abgedrängt werden. sich gerne abdrängen lassen und von einem magneten in die seitengassen gezogen werden.

treppenhausgalerie. skurrile motive. bilder. zeichnungen. beschriftetes, bemaltes mauerwerk. sensible, gescheite künstler mit originellen ideen.

es ist der maler arpacik der dort wohnt. oben. im obersten stockwerk dieser etwas anderen galerie. er erzählt von sich. er sagt, zu viele menschen denken mit dem kopf. und nicht mit dem herzen. er kommt aus anatolien, aus arpacik, das ist der name des dorfes.

sein beruf war schuhmacher und dann wurde er maler. berufung. autodidakt. der seine berufung gefunden hat. naive malerei. er ist einer der bekanntesten, in der türkei.  er malt erinnerungen aus der vergangenheit. aus seiner heimat. aber auch istanbul. im schnee zum beispiel. die botschaft der farben und motive ist stimmung. auf magische weise malt er stimmung. man spürt die bilder.  diese hellen, klaren farben, die klarheit in der botschaft.

er spielt auf seiner saz. seine bilder sind das, was er zu erzählen hat, sie sind seine sprache.  sie sagen alles, was zu sagen ist. seine botschaft ist fantastisch. er hat die magische fähigkeit, licht und sonne in bild zu verwandeln.  und schenkt sich den betrachtern. besonders jenen, die mit dem herzen sehen können. 

 eine wahrnehmung . nicht mehr.

istanbul ist modern. welten treffen auf welten. die moderne, aufgeschlossene. mit einem hauch westlichem hedonismus. eine wildheit. die weise gescheite welt mit weitblick dort und hier ihre begrenztheit in fundamentaler selbstkasteiung. angst.  eine offenheit, ein respekt dem fremden gegenüber und die verachtung zugleich. deswegen, weil sie touristen hinterlassen? istanbul ist ein schattentheater in den hinterhöfen, den seitenstrassen. dort findet man. das aufgeschlossene, das skurrile, witzige, melancholische, gesprächige, offene. ikea ist schon da. und da ist eine tradition. ein rückzug hinter die schleier.

das herz dieser stadt schlägt nicht in zwei kammern, sondern in vielen.

istanbul

istanbuls gassen. foto wallyre 2007

in den verwinkelten gassen. In den  spröden wegen der menschen. im fast rücksichtsloses aneinander vorbeidrängeln. eine rauheit, die sensible naturen erschreckt. das geschau der männer. der geruch von totem fisch.

da ist kein platz für nettigkeiten, aber in den nischen da lauert sie noch. die achtsamkeit. die weltoffenheit.  DU musst sie nur finden. findest sie auch. ein alter istanbuler spruch sagt: „das meer kann nicht ohne wellen sein und das herz nicht ohne liebe.“

© wallyre 2007 überarbeitet 2011.

dieser text ist teil eines hörbilds, dass in folge 99, im mai 2008 in „summerau, 96″ gesendet wurde. inkludiert in das hörbild sind textauszüge aus emine özdamars roman: das leben ist eine karawanserei. hat zwei türen. aus einer kam ich rein. aus der anderen ging ich raus.“

die gestade des bosporus. CD cover by GÜE. fotos. wallyre

die gestade des bosporus. CD cover by GÜE. fotos. wallyre

listen: http://cba.fro.at/9653 dieses hörbild gibt es auch als sehr schöne CD zum tauschen oder kaufen. ideal zum verschenken oder zum selber reisen im kopf…..:-)

literatur, musik und links:  

Istanbul. Ein Reisebegleiter. Barbara Yurtdas. Insel Taschenbuch. Frankfurt. 2004.

„Barbara Yurtdas führt auf acht Spaziergängen durch die Gassen und Basare Istanbuls, durch Paläste und Bäder, zu den Prinzeninseln und ans Ende des Bosporus, in Moscheen und Kneipen….“

 Das verschwinden des Schattens in der Sonne. Barbara Frischmuth. Roman. Residenz Verlag. Salzburg. 1996.

 Emine Sevgi Özdamar: das Leben ist eine Karawanserei – hat zwei Türen – aus einer kam ich rein – aus der anderen ging ich raus. KiWi Verlag Köln. 2005

mit einem auszug aus diesem roman hat özdamar 1992 den bachmann preis gewonnen und grosses aufsehen erregt. der roman wird als eine art orientalischer bildungsroman angesehen.

 Istanbul. Orhan Pamuk.  Carl Hanser Verlag. München. 2006

 filme auf DVD:

Auf der Anderen Seite. Fatih Akin.

 Crossing the bridge – the sound of istanbul. Fatih Akin.

  Zimt und Koriander – Tassos Boulmetis.

 F.X. Gernstl. Gernstl in Instanbul (2005). Gibt es leider nicht als DVD, wird aber immer wieder im TV gebracht…..

der maler arpacik:

 musik

Musik zu dieser sendung von NIL dünyasi

Zeki muren – megastar !!

  
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